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Was vom Schlachthof übrig blieb

Wo man sich früher um die Fleischversorgung der Schweriner kümmerte
Die frühere Schlachthalle beherbergte bis vor Kurzem eine Gaststätte. Foto: S. Krieg
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: der alte Schlachthof am Bleicherufer.
Vor 130 Jahren wurde der Schlachthof eröffnet, heute ist davon nur eine frühere Schlachthalle übrig, und schräg gegenüber steht zudem noch das Haus des Direktors.

Über die Anfänge des Unternehmens schreibt Dr. Wilhelm Jesse in seiner Chronik „Geschichte der Stadt Schwerin“: „Von großer Wichtigkeit ist für den Gesundheitszustand das Schlachthaus geworden, daß 1884-85 nach den Plänen des Stadtbaumeis­ters Osthoff aus Oldenburg mit einem Aufwande von 203?000 Mark erbaut wurde. Dazu kamen noch Entschädigungsansprüche von Privatschlachtereien, die aber von der anfangs geforderten Summe von 184?000 auf 7000 Mark herabgedrückt wurde.“
Der Betrieb hat von Anfang an profitabel gearbeitet. Die Schweriner futterten ja auch ganz gern mal Fleisch: Der Pro-Kopf-Verbrauch lag 1886 bei rund 53 Kilogramm (Wild, Geflügel und Fisch sind da noch gar nicht mit eingerechnet). Der Wert stieg kontinuierlich, so dass der Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr 1900 bereits bei etwa 61 Kilogramm lag. „Im ersten Jahre des Bestehens wurden schon 23?788 Tiere geschlachtet“, schreibt Jesse. Bis 1913 hatte sich diese Menge mit fast 46?000 beinahe verdoppelt. Der Schlachthof wurde in diesem Zeitraum immer wieder erweitert. Aber „selbst als durch größere neue Anlagen, die Erbauung eines Kühlhauses (1906/07) für 250?000 Mark, einer Freibank, Blutverwertunganstalt, eines Düngerhauses sowie die Einrichtung einer Darmschleimerei weitere erhebliche Kosten entstanden waren, ist die Rentabilität nur vorübergehend geschwächt worden“ (Jesse). Allein die Kühlanlage habe 14?000 der 87?000 Mark Gesamteinnahmen im Jahr 1912 erbracht.

1930 ließ der Stadtbaurat Andreas Hamann das zusätzliche Verwaltungsgebäude errichten, wo auch der Direktor sein Büro hatte. Fünf Jahre später der nächste Anbau, diesmal zu Gunsten der Belegschaft: In diesem Trakt wurden für die Arbeiter Frühstücks-, Umkleide- und Waschräume eingerichtet.
Etwa zwei Jahrzehnte später folgten weitere große An- und Umbauten – der Betrieb mauserte sich zu einem der modernsten Schlachtbetriebe der DDR. In diesem Zeitraum baute man nicht nur neu, sondern riss auch alte Teile des Schlachthofs ab. So mussten zum Beispiel einige alte Baracken einer Grünanlage weichen.
Apropos Baracke: In einer solchen, zwischen der verlängerten Eisenbahnstraße und dem Bahndamm, wurde im September 1972 der Betriebskindergarten des Fleischkombinats eröffnet, er bot Platz für 108 Mädchen und Jungen.

Ein Jahr später hatte man die Absicht, eine Mauer zu bauen – und tat dies auch: Die Errichtung der Stützmauer zwischen dem oberen und dem unteren Platz war die letzte größere Baumaßnahme auf dem Schlachthof.
Zu Beginn der 1990er Jahre hatte der Betrieb seine besten Zeiten längst hinter sich, eigentlich sollte er sowieso längst abgerissen sein – 1993 geschah es tatsächlich; spektakulär war dabei die Sprengung des 73 Meter hohen Schornsteins.

Am Bleicherufer entstanden dann unter anderem Wohnungen, Geschäfte, Gaststätten und ein Kino. In der übrig gebliebenen ehemaligen Schlachthalle mit der Adresse Bleicherufer 3 eröffnete eine Gaststätte, die ab August 2002 passenderweise „Alter Schlachthof“ hieß (inzwischen ist sie geschlossen, ein neuer Pächter wird gesucht). In dem eins­tigen Verwaltungsgebäude (Bleicherufer 1) befindet sich jetzt die
Medienanstalt MV. S. Krieg