Hausgeschichten

Von Rentner Albrecht bis NDR

Die Geschichte der Villa in der Schlossgartenallee 61
Die alte Villa bildet auch optisch das historische Gegenstück zum modernen Landesfunkhaus.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: die Villa in der Schlossgartenallee 61.

Wo früher vor allem Obst angebaut wurde, ließ sich Friedrich Albrecht ein schönes Anwesen errichten. Gebaut wurde das Haus ungefähr ein Jahr lang von 1916 bis Mitte 1917. Manch einem ist das Gebäude auf dem Eckgrundstück des Gebietes Tannenhof auch als Albrecht‘sche Villa bekannt.

Das Schweriner Adressbuch von 1917 verzeichnet Albrecht übrigens als „Rentner“. Etwas verwirrend für heutige Begriffe. Dieser Tage würde man ihn vielleicht Rentier oder Privatier nennen. Albrecht war also ein Mann, der aus den Einkünften seiner Geldanlagen leben konnte. Lange ging das offenbar nicht gut, denn spätestens ab 1921 vermietete er Teile seiner Villa an den Obstgutbesitzer Johann Andreas Ihlefeld.

Seinerzeit lautete die Adresse noch Cecilienallee 31. Bereits 1927 trug Albrechts Villa die Nummer 51. Das Gebäude wurde jedoch nicht auf wundersame Weise weitergeschoben, sondern in den Folgejahren entstanden in dieser schön gelegenen Straße nahe des Schweriner Innensees immer neue Häuser, so dass entsprechend auch neu durchnummeriert wurde. Das ging soweit, bis man hier bei der 61 anlangte.
Bei der Zahl blieb es bis in unsere Zeit. Nicht jedoch bei der Bezeichnung der Straße. Die hieß von 1936 bis 1945 Wilhelm-Gustloff-Straße und erhielt nach dem Krieg den Namen Schlossgartenallee.

Aber nochmal zurück ins Jahr 1927. Wir haben festgestellt, dass Albrechts Villa die Einundfünfzig neben die Tür geschraubt wurde. Das ist insofern nicht korrekt, als sie zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr dem Rentner gehörte, sondern dem Siedlungsdirektor Gerhard Falkenhagen, der außerdem die Dame Agnes Freier, geborene Freuling, in dem herrschaftlichen Gebäude wohnen ließ (in den 1930er Jahren war zudem ein gewisser Erich Freier als Bewohner verzeichnet, vermutlich Agnes‘ Mann).

Im Jahr 1933 ließ sich der Reichsstatthalter und NSDAP-Gauleiter Friedrich Hildebrandt fast genau nebenan nieder – in der Villa Cecilienallee 57, wo sich heute die Waldorfschule befindet. Kurz danach schanzte ihm die Stadt ein großes angrenzendes Grundstück auf dem Gelände des einstigen Obstguts Tannenhof zu. Das passte ganz gut, weil Hildebrandt vor seiner Nazikarriere Landarbeiter gewesen ist. Der frühere Tannenhof war ein bei den lokalen Nazigrößen beliebtes Wohngebiet, das erst 1927 als solches erschlossen wurde. Viele der dortigen Häuser entwarf Erich Bentrup.

Der Mann war auch Architekt des Hauptteils der Gau-Amtsleiter-Schule der NSDAP, die 1935 auf dem Areal Cecilienallee 61 entstand und unter anderem eine Sporthalle umfasste. Eigentümer der Villa, die sich direkt anschloss, war ab diesem Zeitpunkt der Nationalsozialistische Schulungsverein, Chef der Schule war der Gauamtsleiter Erich Rohde. Hausmeister Karl Schümann bezog 1935 in der Villa eine Wohnung und 1941 auch der Gaustellenleiter Bruno Jargstorf.

Auf dem Außengelände der Schule ließ Hildebrandt die von Wilhelm Wandschneider angefertigten Skulpturen „Sämann“ und „Mähmann“ aufstellen. Vielleicht zeigte sich auch hier die Verbundenheit des Reichsstatthalters zu seiner früheren Tätigkeit auf dem Acker; vor allem aber schienen die Plastiken gut dazu geeignet, das nationalsozialistische Menschenbild zu transportieren.
Hildebrandt schickte in den letzten Kriegswochen seine Befehle und Durchhalteparolen vor allem aus dem Keller der Gauschule ans Volk; den nahegelegenen Bunker auf dem ehemaligen Brauereigelände Paulshöhe nutzte er nicht. Im November 1948 wurde er wegen Kriegsverbrechen hingerichtet.

Mitte 1945 zog zunächst die Sowjetische Militäradministration in die vorherige Gauschule. Ab 1948 wurde der Komplex zu einem Funkhaus umgebaut, und im Oktober 1949 fand tatsächlich der Landessender des noch jungen DDR-Rundfunks dort sein Domizil.

Im Januar 1992 begann der NDR in der Schlossgartenallee 61 mit seinem Landesfunkhaus den Sendebetrieb. Kurz darauf wurde nebenan auf dem Gelände mit dem Neubau begonnen. Endgültig fertiggestellt war das moderne Landesfunkhaus 1998. Die frühere Gauschule, in dem sich vorher der Sendesaal befand, wurde bereits 1994 abgerissen, obwohl sich die städtische Denkmalpflege dagegen ausgesprochen hatte. Albrechts Villa hingegen durfte stehen bleiben. Dort befinden sich Büroräume des NDR. S. Krieg