Hausgeschichten

Von Branntwein bis Buchladen

Das Haus Am Markt 13 wurde mindestens zweimal neugebaut
Am Markt 13. Das Gebäude grenzt links ans Rathaus
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Haus Am Markt 13.

Die vier Ziffern oben am Giebel verraten es: Das Haus wurde 1975 gebaut. Aber kann das sein? Der Markt samt Bauten ist doch schon viel älter. So weit richtig, denn an dieser Stelle stand wohl schon im 16. Jahrhundert ein Gebäude. Jedoch wurde es min­des­tens zweimal neu errichtet.

Im Jahr 1640 zog die fürstliche Apotheke in den Bau, der seinerzeit noch „Böhmsches Haus“ genannt wurde. Beim großen Stadtbrand von 1651  ging das Haus wie so viele Gebäude unserer Stadt in Flammen auf. Für den Neubau, der 1654 abgeschlossen war, wurden einzelne noch erhaltene Bauteile wiederverwendet.

Eine Apotheke befand sich dann auch wieder an dieser Stelle. Der Legende nach sollen es sich auf den beiden löwenverzierten Bänken neben dem Eingang gern Durs­tige bequem gemacht haben, um ihren zuvor in der Apotheke erworbenen Branntwein zu konsumieren. Die Bänke seien sogar zu diesem Zweck angeschafft worden. Auf jeden Fall standen sie jahrelang mit etwas Abstand zum Haus im Weg. Solche „Galerien“ waren in Schwerin damals sehr verbreitet. Weil sich dadurch die Straßen aber immer mehr einengten, verbot Herzog Friedrich 1777 die steinernen Hindernisse, und die Bänke wurden an die Hauswand versetzt.

Über einen Giebelaufsatz verfügte das Haus anfangs nicht. Der wurde erst im Jahr 1700 hinzugefügt. Wahrscheinlich wurde das Gebäude in diesem Jahr erneuert, heute würde man vielleicht sagen, saniert. Bis etwa 1840 sah der obere Hausabschluss somit hübsch barock aus. Dann entstand im Zuge der Fassadenneugestaltung ein weniger schmucker Giebel.

Zu dieser Zeit existierte die Apotheke in dem Haus nicht mehr; sie schloss um 1810. Wie ging es dann weiter? Die Historikerin Sabine Bock schreibt in „Schwerin – Die Altstadt“: „Ende des 19. Jahrhunderts erwarb die Stadt mit der Absicht der Rat­hauserweiterung die an das Rathaus angrenzenden Häuser Am Markt 13, 12, 11 und 10 sowie weitere Häuser in der Dom- und Schlachterstraße. Allerdings wurden nur diese Häuser abgerissen, die am Markt blieben aufgrund der damals und auch später nicht realisierten Rathauserweiterungen unverändert erhalten.“

Und zwar bis in die 1970er Jahre. Inzwischen betrieben im Erdgeschoss ein Obst- und Gemüseladen sowie ein Friseursalon ihr Geschäft, oben befanden sich Wohnungen. In ihrem Gutachten zu den Häusern Am Markt 10 bis 14 schrieb die Schweri­ner Bauaufsicht im Dezember 1973 über Haus 13 unter anderem: „Das Gebäude wurde 1971 vor­über­gehend bauaufsichtlich gesperrt … Die Schäden am Gebäude sind hauptsächlich die starke Neigung des Dachstuhles sowie die Vorder- und Hinterfassade zum Schlachtermarkt.“

Es war nicht mehr nutzbar und sollte wie die Häuser 10 bis 12 abgerissen und neu gebaut werden. Die Planer entwickelten mehrere Varianten, wie das Haus anschließend genutzt werden könnte. Es wurde zunächst überlegt, im Erdgeschoss ein Café einzurichten, in der ersten Etage eine Mokkastube und darüber Wohnungen. Eine andere Variante sah vor, lediglich das Kellergewölbe als Gaststätte zu nutzen.
Parallel dazu rief die Tageszeitung die Einwohner auf, Ideen zur Neugestaltung des Marktes einzureichen. Sie beteiligten sich rege.

Ob ein Leser für das Haus 13 einen Buchladen und Wohnungen favorisierte, ist nicht überliefert. Zu dieser Lösung entschloss sich die Stadt auf jeden Fall. Im Dachgeschoss entstanden eine Vierraum- und eine Zweiraumwohnung. Die anderen Flächen inklusive Keller wurden von der Buchhandlung belegt. 1975 waren die vier Häuser neu gebaut, wobei sich die Architekten an historischen Vorlagen orientierten. Die Löwenbänke sind original erhalten geblieben. Der Buchladen hielt sich bis 2007. Jetzt hat an der Adresse ein Auktionshaus sein Domizil. S. Krieg