Hausgeschichten

Schule auf schwierigem Grund

Im Bernhard-Schräder-Haus in der Klosterstraße 26 wurde früher unterrichtet
Das Bernhard-Schräder-Haus im Mai 2019 nach der Sanierung
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Bernhard-Schräder-Haus in der Klosterstraße 26.

Eigentlich wollte die katholische Gemeinde St. Anna ihre Kirche neu bauen; das Gotteshaus befand sich Ende des 19. Jahrhunderts in einem ziemlich miserablen Zustand. Die Mitglieder waren schon dabei, Geld für den Bau zu sammeln, was trotz einiger Spenden ein schwieriges Unterfangen war – da flatterte im März 1895 ein Schreiben vom Kreisarzt (damals: Kreisphysikus) herein. Die Schule auf dem Pfarrgrundstück weise erhebliche bauliche und hygienische Mängel auf, hieß es.
Es gab nur zwei Möglichkeiten, Abhilfe zu schaffen: grundlegend sanieren oder neu bauen. „Unter dem neuen Schweriner Missionspfarrer Bernhard Husmann stellte der Kirchenvorstand von St. Anna daraufhin alle Pläne für eine neue Kirche zurück und gab dem Schulproblem höchste Dringlichkeit“, schreibt Georg M. Diederich in „Gottvertrauen und Selbstbehauptung – Geschichte der Schweriner Gemeinde St. Anna und ihrer Kirche“. Die Gemeinde entschied sich für einen Neubau auf dem gegenüberliegenden Grundstück, im Garten des Pfarrhauses.

Erste Pläne von Landesoberbaurat Georg Daniel lagen bereits 1896 vor. Bis die Schule tatsächlich fertig gebaut war, zog allerdings noch fast ein Jahrzehnt ins Land. Einer der Gründe war der schwierige Baugrund in der Klosterstraße, so dass zwischendurch sogar ein anderer Platz gesucht wurde – vergeblich. Derweil ließ die Gemeinde erstmal die alte Schule sanieren. Und man steckte weiterhin in finanziellen Schwierigkeiten; sie wurden letztlich unter anderem durch Mittel vom Bischof, eine Schenkung und eine Erbschaft gelöst.
Im Jahr 1902 nahm sich Baudirektor Gustav Hamann der Sache an. Er griff den Vorschlag des Stadtbaumeis­ters Wilhelm Junglöw auf, das Gebäude auf einer Betonplatte mit einem Meter Dicke zu errichten. Im September 1904 stand der Rohbau. Bis die Schule fertig war, dauerte es nochmal 13 Monate; am 10. Oktober 1905 wurde das Haus feierlich eingeweiht. Die für sechs Klassen konzipierte Schule besuchten im Jahr 1918 rund 180 Schüler.

Nach ihrer Machtergreifung mischten sich die Nationalsozialisten zunehmend in schulische Belange ein, die massiven Eingriffe und Gleichschaltungsmaßnahmen mündeten in der abrupten Schließung der Schule durch die Nazis am 18. Februar 1939, sechs Wochen vor Schuljahresende. Die Gemeinde hatte keine Chance, sich dagegen zu wehren. Sie nutzte das Haus aber zumindest für kirchliche Zwecke weiter, unter anderem wohnten dort St.-Anna-Mitarbeiter, es war Gemeindehaus, und es fand Religionsunterricht statt.
Aber noch im Sommer 1939 ließ der Schweriner Oberbürgermeister Wilhelm Timmermann das Schulgebäude beschlagnahmen, angeblich für die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt. Bis 1945 wurden die Unterrichtsräume von mehreren Schweri­ner Schulen genutzt.

Nach dem Krieg fanden in Teilen des Gebäudes Flüchtlinge Unterschlupf. Und die Gemeinde hoffte, in der Klos­terstraße schon bald wieder eine Schule einzurichten. Ein entsprechender Antrag des Pastors Dr. Bernhard Schräder wurde von den sowjetischen Besatzern abgelehnt. Und so zogen zunächst städtische Schulen ein. Erst 1973 erhielt die Gemeinde ihr Haus zurück. Eine katholische Schule sollte es jedoch nicht beherbergen. Die Immobilie wurde saniert und zu einem Gemeindehaus umgebaut. Bischof Heinrich Theissing weihte es anschließend im Oktober 1973 unter dem Namen Bernhard-Schräder-Haus ein.

Dr. Bernhard Schräder kam 1936 als Pfarrer nach Schwerin, wurde 1946 zum Bischöflichen Kommissar ernannt und 1959 zum Bischof geweiht.

Ab Frühling 2018 wurde das Bernhard-Schräder-Haus ein Jahr lang erneut saniert und umgebaut. Zum Beispiel bekam es einen Fahrstuhl, und der Saal wurde vergrößert. Die Baukos­ten von rund einer Mil­lion Euro trug in erster Linie das Erzbis­tum Hamburg. Anfang Mai 2019 weihte Propst Dr. Georg Bergner das Gebäude feierlich ein. Es bleibe zwar Haus der Pfarrei. Es sei „aber hoffentlich auch ein Haus, das sich nach außen zur Stadt und zur Gesellschaft öffnet“, sagt Bergner. S. Krieg