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Schatzkammer voller Geschichte(n)

„Dat oll Hus“ in Krebsförden erzählt vom Alltag Mecklenburger Bauern
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in der Dorfstraße 8 von Krebsförden, wo „Dat oll Hus“ einer großen Schatzkiste gleich Erinnerungen an Menschen, Traditionen und Ereignisse bewahrt.

Das Bett ist gemacht, durchs Fenster fällt Sonnenlicht auf die Holzdielen. Fast sieht es aus, als würde der Knecht jeden Moment durch die Tür seiner Kammer treten und die Pantinen von den Füßen streifen. „Besucher haben schon des Öfteren gesagt, dass sie hier gern Ferien machen würden“, lacht Ilse Stender. Die 76-Jährige ist die Seele des Familienmuseums „Dat oll Hus“ in Krebsförden. Hier, auf Hufe 3, ist die Familie ihres Mannes Wilhelm-August seit 300 Jahren zu Hause. Das reetgedeckte Bauernhaus bewahrt viele Erinnerungen an den Alltag Mecklenburger Bauern in diesen Zeiten – auch wenn von Ferien damals noch keine Rede war.
Seit 17 Jahren ist das alte Haus Museum. Möbel, Dokumente und Arbeitsgeräte erzählen hier vom Leben auf dem Lande. Aber am meisten hat das niederdeutsche Hallenhaus selbst zu erzählen. Das Holz für seine Balken wurde im Winter 1669/70 gefällt. Gebaut wurde an der Stelle eines zuvor abgebrannten Gebäudes. „Krebsförden war ein Domanialdorf, das heißt, im Besitz des Landesherrn. Der Herzog hatte natürlich Interesse daran, dass der Acker bewirtschaftet wurde. Weil es nach dem 30-jährigen Krieg in Mecklenburg nur noch wenige Bauern gab, schickte er Werber nach Schleswig-Holstein und Niedersachsen“, erzählt Ilse Stender aus der Entstehungszeit des alten Hauses. Die „Hauswirte“, die zu dieser Zeit die Hufen in Krebsförden beackerten, hatten wenig Rechte und viele Pflichten. So mussten sie ihre Pacht noch beim Herzog abarbeiten. Erst um 1800 wurde ihnen nach einer Bittschrift gewährt, Pacht in Geld und Naturalien bezahlen zu dürfen. 100 Jahre später gewannen sie als Erbpächter weitere Ansprüche.
Mitte des 19. Jahrhunderts stellte ein Christian Stender einen Antrag auf Bauholz. Er wollte sein Haus erweitern, um drei zusätzliche Wohnräume zu gewinnen. Im Zuge dieser Bauarbeiten wurde das Dach nach hinten heruntergezogen – das Zweiständerhallenhaus war jetzt kein Durchfahrtshaus mehr. Einige Jahre später war es „viel Glück und der Regenhilfe von Petrus“ zu danken, dass „dat oll Hus“ einen Brand der benachbarten Scheune unbeschadet überstand. Der Urgroßvater von Wilhelm-August Stender beschloss daraufhin, ein neues Wohnhaus zu bauen und das alte  Haus fortan als Scheune zu nutzen. Johann, sein ältester Sohn, war der Letzte der Familie, der im „oll Hus“ geboren wurde. „Und er ist auch darin gestorben – während der Arbeit. Er hatte sich in die Scheune gesetzt, um Kartoffeln abzukeimen“, erzählt Ilse Stender vom Großonkel ihres Mannes.
Als die Wende kam, war „Dat oll Hus“ schon mehr als 100 Jahre lang Scheune. Das Dach wurde dünn und dünner und mit jedem Sturm war ein Loch mehr darin. Auch die Sohlbalken an der Rückseite und den Seiten waren verrottet, so dass sich die Lehmwände nach außen wölbten. Es musste etwas passieren. Ein Dachdecker machte Wilhelm-August Stender auf die Möglichkeit der Reetdachförderung aufmerksam. Als der Krebsfördener dann das dicke Antragspaket ausfüllte, musste auch der künftige Verwendungszweck des Gebäudes angegeben werden. Mit der Aussage „Museum“ kam Leben ins alte Haus. Denkmalpfleger, Bauernhausforscher und andere Fachleute standen jetzt vor der Tür und die Dinge nahmen ihren Lauf. Stenders sanierten „dat oll Hus“, unter anderem mit Hilfe von Fördermitteln, und richteten ein Familienmuseum ein. Am Tag des offenen Denkmals 1995 feierten sie die Eröffnung. Inzwischen ist das Museum in seiner 17. Saison. Jeden Mittwoch und Sonnabend von 9 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr öffnet Ilse Stender die „Grotdör“, die große Tür, zur Diele des alten Hauses. Hier sind noch heute die geschwärzten Balken des ehemaligen Rauchhauses zu sehen. Besucher können die Eichenholzständer bewundern, welche die Halle in Diele und Abseiten trennen. Sie müssen in der Knecht- und Mägdekammer die Köpfe einziehen, um sich nicht an der niedrigen Decke zu stoßen und können Möbel und Hausrat begutachten. Die ausgestellten Gegenstände stammen teils aus eigenen Beständen, teils sind es Geschenke von Menschen, die alte Stücke gut und sinnvoll aufbewahrt wissen wollen. Wenn heute zum Beispiel Kinder zu Besuch kommen, können Stenders ihnen erzählen, warum es früher Kuchen aus der Ochsenaugenpfanne gab, was es mit den Eulenlöchern auf sich hat und warum die Hühner auf dem Boden schlafen durften. So wird jeder Besuch in dieser Schatzkammer zu einem Ausflug in die Regionalgeschichte. Auch als Veranstaltungsort hat sich „Dat oll Hus“ im 1936 eingemeindeten Stadtteil Krebsförden längst einen Namen gemacht.