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Romantik in Backstein

Reppiner Burgruine in Mueß steht auf uraltem Siedlungsland
Die „Ruine“ wurde von Anfang an als solche geplant. Den Gedenkstein gab es schon vor dem Bau. Das Innere des Turms ist teils mit Grafiti beschmiert. Vom Turm hat man eine hervorragende Aussicht
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in Mueß, wo auf dem Reppiner Burgwall Schwerins romantischste Ruine steht.

Der Weg schlängelt sich in der Nähe des Ufers durch den Wald. Immer wieder schimmert das Blau des Schweriner Sees durchs Blätterdach. Dann öffnet sich der Pfad zu einem runden Platz, auf dem eine Burgruine mit Bergfried und Torbogen wacht – wie die Kulisse für ein romantisches Gemälde. Doch bevor es zu kitschig wird, stopp: Denn das beschädigte Mauerwerk stammt aus dem Skizzenbuch des Schweriner Architekten Gustav Hamann und wurde im Auftrag der Gemeinnützigen Gesellschaft 1907 errichtet. Anlass war der Tod des Herzogs Friedrich Wilhelm, eines Sohns Friedrich Franz II. aus dritter Ehe, der 1897 als Kommandeur eines Torpedobootes auf der Nordsee verunglückt war. Den Namen des jungen Herzogs trug der Platz auf der Landspitze, die ein beliebtes Ausflugsziel der Schweriner war, zu diesem Zeitpunkt schon seit mehr als 20 Jahren. 1899 war hier ein 50 Zentner schwerer Findling  zum Gedenken an Friedrich Wilhelm aufgestellt worden, nun kam das Bauwerk im neoromantischen und neogotischen Stil hinzu – „eine unvollendete Burg für ein unvollendetes Leben“.
Allerdings war es nicht nur Rührseligkeit, welche die Mitglieder der Gesellschaft trieb. Sie verfolgten durchaus touristische Interessen. Der Bergfried auf der acht Meter hohen Anhöhe über dem See war ein Aussichtsturm, an dessen Fuß kurze Zeit nach seiner Errichtung eine Schankwirtschaft öffnete. 1924 entstand unterhalb des manchmal auch Friedrich-Wilhelm-Turm genannten Bauwerks eine Anlegestelle für Segler und Ruderer, 1925 wurde mit einer Kahnladung Sand ein 30 Meter langer Strand aufgeschüttet und schon 1926 war die Badestelle ein viel besuchtes Freibad. „Die Gemeinnützige Gesellschaft plante sogar, eine Seilbahn zwischen der Halbinsel Reppin und der Insel Kaninchenwerder zu errichten, wo sich ein weiterer Aussichtsturm befand“, weiß Rainer Blumenthal, Mitarbeiter im Schweriner Stadtarchiv, aus den Akten über die Reppiner Burg. Allerdings wollte der Großherzog von einem derartigen geldverschlingenden Projekt nichts wissen. Sein Bescheid: Von ihm würde es dafür keine müde Mark geben. So blieb der Reppiner Burgwall ein Ziel für den beschaulichen Sonntagsausflug, ohne zum Highlight für Massentourismus zu werden.
Fest steht aber auch, dass der Platz auf der Landspitze im Laufe der Geschichte nicht nur Ausflügler anzog.  Der Nestor der mecklenburgischen Altertumskunde Friedrich Lisch vermutete hier eine slawische Burganlage. Er geht davon aus, dass der Reppin eine feste Wohnstätte gewesen ist und „als Burgwall älter sein mag als Schwerin“. Funde wie ein Keil aus Feuerstein und Scherben von dickwandigen Wirtschaftsgefäßen belegen sogar eine Besiedlung seit der Steinzeit. Was allerdings fehlt, ist der Nachweis einer Befestigung aus slawischer Zeit.  „Wenn man aber davon ausgeht, dass die Anlage zum Land hin mit Holzpalisaden abgesperrt war, ist verständlich, dass sich diese nicht erhalten haben“, sagt Rainer Blumenthal. Auf jeden Fall sei der Name „Reppin“ slawischer Herkunft und weise auf Repa, einen der lokalen Kriegsgötter der Obotriten, hin. Lisch geht in seiner Beschreibung des Reppins in den Jahrbüchern des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde davon aus, dass die Anhöhe „von Menschenhand aufgeworfen oder doch erhöhet“, also künstlich errichtet ist. Das Ergebnis war ein Platz, der Schutz und eine phantastische Sicht über den See bot, die laut Lisch „ihres gleichen im Lande“ sucht.
Noch heute locken die künstliche Burgruine und der Strand zu ihren Füßen viele Ausflügler. Das zeigen auch die eingeritzten Initialen an der Mauer der Aussichtsplattform, während die Graffiti im Innern des Turms davon zeugen, dass nicht alle Sprayer künstlerisches Talent haben. Die „unvergleichliche Aussicht“ vom „Wehrgang“ und der Plattform des Turms bietet wie eh und je den Blick zu den Inseln Kaninchenwerder und Ziegelwerder bis auf die Silhouette von Schwerin. Hier ist die Reppiner Burg einfach nur romantisch.
Katja Haescher