Hausgeschichten

Pasteten und Maccaroni

Wo früher ausländische Waren verzollt wurden, befinden sich heute spezielle Wohnungen
Links die frühere „Zoll-Niederlage“, daneben das zugehörige einstige „Haupt-Steueramts-Gebäude“
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das ehemalige Hauptzollamt, Am Packhof 1 und 1a.

Selbst bei so manchen Delikatessen kannte die Großherzoglich Mecklenburgische Steuer- und Zoll-Direction kein Erbarmen. „Zur Beseitigung aufgekommener Zweifel werden sämmtliche Hebestellen darauf hingewiesen, daß Gänseleberpasteten und ähnliche sprachgebräuchlich zu den Pasteten zu rechnenden Mischungen von Fleisch, Fett und Gewürzen, gleichviel, ob in Verbindung oder ohne Verbindung mit Backwerk […], zum Satze von 7 Thlr. pro Centner zu verzollen sind.“ So legte es der Steuer- und Zoll-Director Oldenburg in seiner Verfügung vom 31. Dezember 1868 fest.

Im August desselben Jahres waren die Großherzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz an den Zollverein angeschlossen worden, womit Binnenzölle wegfielen. Weniger zu tun für die Finanzer. Eigentlich. „Die während der früheren Steuer und Zollsysteme benutzten Verwaltungs-Lokale genügten zum größten Theile den Zwecken der neuen Verwaltung nicht“, blickt der Zollverein 25 Jahre nach dem Anschluss zurück. „Dem Bedürfniß nach den erforderlichen Räumlichkeiten wurde […] nach und nach zum Erwerbe eigener Grundstücke mittelst Kaufs und Neubauten geschritten.“

1868 war das „Haupt-Steueramts-Gebäude mit Zoll-Niederlage“ bereits im Bau, ein Häuschen, in dem ausländische Waren so lange zwischengelagert wurden, bis sie der Händler nach Zollzahlung mitnehmen durfte. Die Niederlage wurde mit einem kleinen Gleis an den Schienenstrang der Eisenbahn angebunden. Außerdem hatte in dem Verwaltungsgebäude der Hauptamtsvorstand seine Wohnung.
Als Architekt fungierte Hermann Albert Dornblüth. Er arbeitete ab 1868 als Landbaumeister in Schwerin. Ob er noch weitere Häuser in unserer Stadt entwarf, ist nicht bekannt.

Maccaroni übrigens lagerten wahrscheinlich selten im Zollgebäude. Zu dieser Pasta stellte Zoll-Director Oldenburg nämlich bereits im Januar 1869 klar, „daß Maccaroni zu den nicht gebackenen, den Nudeln gleichartigen Erzeugnissen aus Mehl gehören und daher zollfrei passiren“.

Als die Zollgebäude 1870 offiziell in Betrieb gingen, gab es ringsum nicht viel. Nicht mal eine Straße. Die wurde erst 1893 angelegt.
Immerhin existierte nebenan schon der Bahnhof. Das Gebäude wurde zur Einweihung am 1. Mai 1847 allerdings nicht pünktlich fertig. Wer nach den üblichen sechseinhalb Stunden Zugfahrt aus Hamburg und gar siebeneinhalb von Berlin in Schwerin ankam, musste sich mit einem Holzschuppen auf dem Packhof als Empfangsgebäude begnügen. Das ging selbst dem Großherzogspaar so, das im April 1847 an einer Probefahrt auf der neuen Strecke von Hagenow in die Residenzstadt teilnahm. Hagenow bildete eine Zwischensta­tion der Bahnstrecke Hamburg-Berlin. Von dort führte zunächst nur eine Stichstrecke nach Schwerin. Erst im Juni 1848 ging es weiter bis nach Wismar, und 1850 war dann auch Ros­tock angeschlossen.

Im Packhof verzollten also seit dem Beginn vor 150 Jahren die Beamten jahrzehntelang immer so vor sich hin, egal, ob es um „Branntwein“, „Taback“ oder eben Gänseleberpas­tete ging – stets preußisch genau nach Vorschrift.

Dann und wann wurde an den Zollhäusern an- und umgebaut. So errichtete zum Beispiel 1912 der Maurermeister Otto Borelly im Lagerschuppen eine neue Schornsteinanlage und baute ein Beamtenzimmer ein.
Noch 1949 fungierte der kleine Gebäudekomplex als Hauptzollamt. In den 1950er Jahren zog die Deutsche Post ein. Diejenigen Mitarbeiter, die ganz oben unterm Dach arbeiten mussten, beklagten sich über die miesen Bedingungen in dem zu niedrigen, zu stickigen und zu dunk­len Raum. Hohe Krankenstände belegten die inakzeptable Situation. Im Jahr 1956 richtete die Post am Packhof ihr „Paketpostamt - Ausweiche - Schwerin“ ein. Inwieweit sich danach die Zustände für die Angestellten verbessert haben, ist nicht überliefert.

Die Post nutzte die einstigen Zollgebäude auch nach der Wende weiter und blieb dort bis Ende der 1990er Jahre. Das war‘s dann erstmal. Fast zwanzig Jahre verfielen die Häuser zusehends. Immerhin bildeten die verrottenden Gebäude einen ordentlichen Kontrast zum Stadthaus auf der anderen Straßenseite; der moderne Verwaltungszweckbau wirkte so gleich viel schmucker.

Dann entschloss sich der Investor Randy Sämrow zur Rettung der alten Bauten. 2016 kaufte er mit seiner Schelf Bau GmbH Co. KG Grundstück und Häuser den Vorbesitzern ab, zwei Privatleuten, die kein Geld mehr in die Immobilie gesteckt hatten. Bis er mit der Komplettsanierung beginnen konnte, dauerte es etwas. Was kann man daraus überhaupt machen, was kann man reinbauen? Wie lässt sich das alles mit dem Denkmalschutz vereinbaren? Solche Fragen mussten vorher geklärt werden.

Aber letztlich gelang es ihm, in Abstimmung mit der Denkmalpflege aus den früheren Zollhäusern wieder echte Schmuckstücke zu machen. Im Oktober 2019 waren die Arbeiten abgeschlossen. Inzwischen hat die AWO dort eine Demenz-Wohngemeinschaft eingerichtet. S. Krieg