Hausgeschichten

„Mehr komisch als tragisch“

Was die Geschichte des Hauses der Kultur mit der „Revolution“ von 1848 zu tun hat
Das Haus in der Arsenalstraße 8 heute.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Haus in der Arsenalstraße 8.

Am 13. März 1848, so gegen 18 Uhr, sammelten sich auf dem Markt Schweriner, die irgendwie unzufrieden wirkten. Viele von ihnen schrien und pfiffen. Nach und nach trafen, angelockt vom Lärm, immer mehr Bürger ein – endlich mal was los an einem Montagabend. Der Anlass für den kleinen Aufruhr war aber politischer Natur. Kurz zusammengefasst ging es um mehr Demokratie und weniger Zensur.

Nach vielleicht einer Stunde brachen die Leute das Johlen ab, zogen voller Tatendrang um die Ecke und schmissen im Großen Moor dem Polizei­senator ein paar Steine durchs geschlossene Fenster. Nachdem sie offenbar Gefallen an dem Wurfsport gefunden hatten, waren die Scheiben in Demmlers Wohnhaus am Südufer des Pfaffenteichs das nächste Ziel. Die Steine lagen gleich gegenüber an der anderen Ecke der Poststraße (heute Mecklenburgstraße) bereit, denn dort wurde gerade „Stern‘s Hotel“ gebaut. Ob der Bauherr Carl Friedrich Stern die Steine von Demmler zurückforderte, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall wurde das Haus schon gut einen Monat später, am 22. April 1848, eröffnet.

Zehn Jahre zuvor hatte die Stadt begonnen, das Areal als Baugrund herzurichten, indem sie das Pfaffenteich-Südufer aufschütten ließ. So entstand die Arsenalstraße. 1840 wurden dort die ersten Häuser gebaut.
Stern warb zum Start des Hotel­betriebs unter anderem mit komfortabelst eingerichteten Zimmern, einem vorzüglichen Stil und einem Saal für größere Versammlungen.

Bis 1906 blieb das Hotel im Besitz der Familie Stern, dann verkaufte sie es an den Oberkellner Otto Reder. Stets zählte es zu vornehmsten Häusern unserer Stadt. Kein Wunder also, dass dann und wann auch Prominente bei Stern ein Zimmer bezogen. Zu ihnen zählt der Komponist Richard Wagner, der im Januar 1873 dort weilte; er schaute sich im Theater eine Aufführung des „Fliegenden Holländers“ an. Ihm zu Ehren wurde sogar eine Gedenktafel an die Fassade  geschraubt. Auch Johannes Brahms, Fritz Reuter und Heinrich Schlie­mann waren Gäs­te in „Stern‘s Hotel“.

Das Haus bildete von Anfang an immer wieder die Kulisse für das politische Geschehen Schwerins. Ein halbes Jahr nach der März-1848-Randale gründete sich am 5. September in „Stern‘s Hotel“ ein „Konstitutioneller Verein“ mit 250 Mitgliedern. Sie forderten unter anderem gleiche Rechte für Fürst und Volk sowie diverse andere Reformen. Drei Wochen später war das Hotel eine der Stätten, in denen die Wahlmänner für den verfassungsgebenden Landtag gewählt wurden. Aus der eigentlichen Wahl am 3. Oktober 1848 gingen 103 Parlamentarier hervor; die Abgeordneten des linken Zentrums trafen sich regelmäßig in „Stern‘s Hotel“.

Am 13. März 1920 bezogen ultrakonservative Offiziere und Soldaten, Protagonisten des Kapp-Putsches, für etwa eine Woche – so lange dauerte der Putsch – im benachbarten Postgebäude ihr Hauptquartier. Sie hielten sich in dieser Zeit auch gern im Hotel auf; von dort hatten sie das Geschehen gut im Blick.

1921 ließ Otto Reder die Fassade erneuern, sie sollte imposanter werden. Den Nazis gefiel die Optik aber nicht. Im Wirtschaftsplan für Schwerin 1939 stand, dass an dieser Stelle ein „ruhiger und entschiedener Baukörper“ notwendig sei, „um die Wirkung des Doms zu verbessern“. Türme, Auf- und Anbauten sollten verschwinden. So geschah es. Und in den 1950er Jahren wurde die Fassade dann nochmal schlichter gestaltet.

In den 1930er Jahren war das Gebäude längst kein Hotel mehr. Im Oktober 1923 hatte Reder die Immobilie an die Hannoverschen Girozentrale verkauft, die das Haus 1929 komplett umbaute. Bis 1945 blieb die Bank in dem ehemaligen Hotel. Nach dem Krieg zog der Kulturbund dort ein. In den Räumen wurde unter anderem auf einer sehr kleinen Bühne Theater gespielt, es wurde getanzt und musiziert, es liefen Kinofilme, auch eine Gaststätte war integriert.

Seit 1991 heißt die Einrichtung in der Arsenalstraße 8 „Haus der Kultur“. In den Jahren 2000/2001 wurde groß saniert, wobei das Gebäude endlich einen Fahrstuhl erhielt.

Über die Krawalle im März 1848 schrieb Wilhelm Jesse übrigens 1921 in seiner Stadtchronik: „Das war die Schweriner ‘Revolution‘, die uns heute ganz gewiß mehr komisch als tragisch anmutet.“ S. Krieg