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„Man kann die ganze Welt sehen“

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„Man kann die ganze Welt sehen“

Der Schweriner Fernsehturm ist einer der schönsten Aussichtspunkte der Stadt

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute im Fernsehturm, der mit 136 Metern das höchste Gebäude der Stadt ist.

Bis zur Etage 13 braucht der Fahrstuhl genau 50 Sekunden. Wer sich diese knappe Minute Zeit nimmt, dem liegt die Stadt zu Füßen. Von Café und Aussichtsplattform des Schweriner Fernsehturms reicht der Blick bei gutem Wetter bis zum Schornstein der Wismarer Werft und dem Dach der Wittenburger Skihalle. „Der Turm heißt nämlich deshalb Fernsehturm, weil man von hier in die Ferne sehen kann“, sagt Katrin Melzer. Sie ist zusammen mit ihrer Schwester Inhaberin des Restaurants in der 13. Etage und fest davon überzeugt, dass diese Zahl ihre Glückszahl ist. Denn an die Arbeit hoch über den Dächern von Schwerin kann man sich zwar gewöhnen, die Aussicht genießen Katrin Melzer und ihr Team trotzdem Tag für Tag. „Da wird bei wunderschönen Sonnenuntergängen schon mal der Fotoapparat gezückt“, sagt die Schwerinerin und erzählt von einem kleinen Jungen, der beim Blick aus dem Fenster aufgeregt rief: „Mutti, von hier oben kann man  die ganze Welt sehen!“ Der Turm, der Autofahrer schon von weitem grüßt, entstand zwischen 1958 und 1964. Damals  wurden für die Errichtung der Richtfunknetze und das zweite Fernsehprogramm der DDR mehrere Funktürme aufgebaut. Die Arbeiten erledigte eine Spezialfirma. Denn ein Turm von dieser Höhe muss Schwingungen ausgleichen können. „Das Bauwerk hat deshalb ein halbkugelförmiges Fundament, wie ein Stehaufmännchen, und ist dadurch immer leicht in Bewegung. Es ist durch diese Konstruktion sogar erdbebensicher“, weiß Katrin Melzer. Wer jetzt denkt, der Fernsehturm schwanke hin und her, der irrt. Trotzdem nehmen sensible Menschen die Bewegungen wahr, die bei höheren Windstärken deutlich spürbar sind. „Da haben wir dann bis zu 70 Zentimeter Schwingung. Das ist ein bisschen wie auf einem Schiff“, sagt Katrin Melzer. Manche Besucher bekommen – besonders bei Wind – sogar Höhenangst. „Interessanterweise sind dies vor allem Männer“, sagt die Gastronomin. Aber die meisten genießen die Aussicht aus der ellipsenförmigen Kanzel. Diese Form ist etwas ganz Besonderes und zeichnet den Schweriner Fernsehturm aus, der sogar älter als sein 1969 in Betrieb genommener „Kollege“ in Berlin ist. „Die Erfahrungen aus diesem Bau sind dort eingeflossen“, sagt Katrin Melzer. So hoch wie der Berli-ner Turm strebt der Schweriner allerdings nicht hinaus. Doch es reicht immerhin für 486 Treppenstufen. Die Mitarbeiter des Restaurants sind sie alle schon gegangen. „Wir machen regelmäßig mit der Feuerwehr Begehungen, so dass jeder weiß, was zu tun ist, falls der Turm einmal evakuiert werden muss“, sagt Katrin Melzer. Einmal, aber wirklich nur einmal, musste eine Reisegruppe die Treppe nehmen. „Der Fahrstuhl setzte aus, die Gruppe musste aber zu einem bestimmten Zeitpunkt am Ableger der Weißen Flotte sein. Da sind wir dann zusammen zu Fuß nach unten gegangen.“ Die Funktechnik, von der auch heute noch jede Menge unter der grauen Betonhaut des von der deutschen Funkturm GmbH betriebenen Gebäudes steckt, befindet sich in den Etagen sechs bis elf. Die Etagen null bis sechs sind ein einziges Geschoss – und damit das höchste Lager Schwerins. Wenn die Mitarbeiter des Restaurants hier Getränke und Lebensmittel ein- und auspacken, müssen sie den Kopf in den Nacken legen, um die Decke zu sehen. Und da der Fahrstuhl der einzige Transportweg für Kisten, Tüten und Flaschen ist, muss alles gut organisiert sein. Mal eben zwischendurch einen Liter Milch holen – das würde einfach zu lange dauern. Die Schweriner, weiß Katrin Melzer, lieben ihren Fernsehturm und kommen gern. Nur einmal beschwerte sich ein Gast während der Fußball-WM, wo denn der Fernseher im Fernsehturm sei. „Den haben wir nämlich nicht“, sagt Katrin Melzer. „Denn bei uns gibt es ja andere Sachen zu sehen.“