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Löwe schmückt Haus mit Handwerkstradition

In der Münzstraße 34 befand sich einst Carl Groths Feinbäckerei
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in einem Gebäude, über das Schwerins „Bäckerlöwe“ wacht  und in dem seit mehr als 100 Jahren Handwerksgeschichte geschrieben wird.

An der Fassade des Hauses in der Münzstraße 34 winkt ein goldener Löwe mit einer Brezel. Doch wo ist die Bäckerei, in die er lockt? Das Schaufenster darunter füllen Stempel über Stempel. Was haben die mit Backwaren zu tun?
Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten schon mehr. Denn das Haus mit den zwei Schaufens-tern erzählt die Geschichte zweier Handwerkskünste, die in diesem Gebäude heimisch waren und sind. „Mein Vater Peter Sünnwoldt übernahm 1962 die hier ansässige Stempel-Werkstatt von Rudolf Helm“, erzählt Christa Klitz, die zusammen mit ihrem Bruder Mathias seit 1995 das Geschäft führt. Das trägt noch heute den Namen Stempel-Helm – inzwischen ergänzt vom Zusatz Peter Sünnwoldt  OHG als Erinnerung an den verstorbenen Vater.

Die Geschichte der Stempelmacher und Graveure in der Münzstraße 34 reicht indes noch viel weiter zurück: bis ins Jahr 1907. Damals gründete Ludwig Hammel in dem Haus eine Gravieranstalt. 1920 folgte der Stempelmacher und Graveur Georg Wicke. Auf einem alten Foto aus den 20er-Jahren steht sein Name auf einem Schild, das in einem der beiden Schaufenster zu sehen ist.  Wicke und seine Frau nahmen sich 1945 das Leben: Die Russen hatten dem Paar mit Arbeitslager gedroht, um Informationen zu erpressen und wie viele andere Menschen zu dieser Zeit sahen Wickes als Ausweg nur den Freitod. Nächster in der Reihe der Stempelmacher war Rudolf Helm, der die Werkstatt bis zu seinem Unfalltod im Jahr 1962 führte. Unter der Regie von Familie Sünnwoldt steht das Unternehmen seit nunmehr 50 Jahren – in einigen Monaten steigt die Jubiläumsfeier.

Druckerschwärze und Stempeltinte regierten aber nur auf der einen Seite des Hauses. Auf der anderen war die bestimmende Farbe das Weiß des Mehls. Die Grob- und Feinbäckerei von Carl Groth versorgte die Schelfstädter seit 1910 mit Brot und anderen Backwaren. Der Löwe mit der Brezel machte als Wahrzeichen des Bäckergewerbes an der Fassade auf Groths Handwerk aufmerksam. 1937 erhielt das Unternehmen sogar den Namen Löwenbäckerei. Neben dem Laden im Erdgeschoss war im Anbau auf der Rückseite des Hauses die Backstube untergebracht, ein separates Fachwerkgebäude auf dem Hof diente als Unterkunft der Bäckergesellen. Über den beiden Geschäften im Haupthaus befanden sich Wohnungen. Christa Klitz, die ein altes Schweriner Adressbuch aus dem Jahr 1930 besitzt, kann sogar sagen, wer hier zeitweise zu Hause war. So sind in dem betreffenden Jahr Fräulein Anna Dobbert und Schneidermeisterin Karoline Mau als Bewohnerinnen eingetragen.
Auf die Bäckerei Groth folgte die Bäckerei Lehmann. 1956 wurde der Backofen zum letzten Mal geheizt und eine lange Handwerks-tradition in der Münzstraße 34 ging zu Ende. Mehr als 100 Jahre lang, so vermerkt es die Tafel an der Außenseite des Gebäudes, war das Bäckergewerbe hier zu Hause gewesen.

In den 90er-Jahren sanierten die Eigentümer, Nachfahren der Familie Groth, das Haus in der vom Verfall bedrohten Schelfstadt. Dabei verschwand auch die ausgetretene erste Stufe vor der Eingangstür. Noch heute kann sich Christa Klitz gut erinnern, wie sich ihr Vater hier nach einem ungeschickten Schritt ein Bein brach. Auch die Kälte im Laden ist der Schwerinerin gut im Gedächtnis. „Mein Vater ging immer sonntags hierher und heizte, damit die Räume am Montag nicht völlig ausgekühlt waren“, erzählt sie. „Das machten die meisten Gewerbetreibenden aus der Münzstraße so. Und während die Öfen bullerten, traf man sich am Stammtisch.“ Die Öfen sind längst verschwunden. Die sanierte Fassade des Hauses fügt sich harmonisch in die Häuserzeile liebevoll hergerichteter Altstadthäuser ein. Das Stempelfachgeschäft ist inzwischen der einzige Laden im Haus. In einer kleinen „Museums-Ecke“ hängen hier die Gautschbriefe von Peter und Mathias Sünnwoldt, in der darunter stehenden Vitrine sind handgesetzte Stempel zu sehen. Aufgehoben hat Christa Klitz auch das aus Vorwendezeiten stammende Schild mit der Aufschrift: „Zurzeit keine Auftragsannahme“. Denn als einziger Stempelmacher Mecklenburgs musste Peter Sünnwoldt hauptsächlich für Behörden und Ämter arbeiten. Da jeder Stempel in Handarbeit entstand, betrug die Lieferzeit bis zu eineinhalb Jahre.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Manches jedoch hat sich nicht verändert: Für einen guten Stempel ist die Münzstraße 34 nach wie vor eine gute Adresse. Und auch der Löwe ist nach jahrelanger Abwesenheit 1999 zurückgekehrt und schmückt wieder ein Haus mit langer Handwerkstradition.