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Im Püsser Krug fing alles an

Die Schweriner Gartenstadt entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Die Cholera-Wache am Püsser Krug
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in einem Gebäude, das selbst gar nicht mehr steht – aber Keimzelle für einen ganzen Stadtteil war.

„Am Püsserkrug“ heißt eine kleine Stichstraße, die von der Ludwigsluster Chaussee abzweigt. Ein ungewöhnlicher Name. Aber wo kommt er her? Ältere Schweriner wissen auf diese Frage natürlich sofort eine Antwort. Ihnen ist der Püsser Krug noch ein Begriff. Das Ausflugslokal direkt an dem kleinen Bach Püsserbeke war das Ortszentrum der Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Gartenstadt, bevor es 1979 abgerissen wurde. Aber der Reihe nach.
1651 ließ der Heubinder Max Bahr an der Furt durch die Püsserbeke einen Katen errichten. Bahr hatte sein Hab und Gut beim großen Stadtbrand im gleichen Jahr verloren und zog nun weit hinaus vor die Tore der Schwerins. Fuhrwerke, die von Süden und Osten kamen, nahmen den Weg durch die Furt und so wurden im Bahrenkaten, wie das Haus nach seinem Besitzer genannt wurde, Erfrischungen ausgeschenkt. So entstand ein Gasthaus von teils zweifelhaftem Ruf, das zeitweise mehr für Raufereien als die Qualität von Speisen und Getränken berühmt wurde. Nach dem Ende der Schweriner Cholera-Epidemie von 1831 witzelte man sogar, der schlechte Branntwein im Püsser Krug habe die Krankheit abgeschreckt. Fest steht jedoch, dass auch zu diesem Zeitpunkt – in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – das Gasthaus fast allein auf weiter Flur stand. Eine Arbeit von Hofzeichner August Achilles aus dem Jahr 1831 zeigt die Cholera-Wache an der Furt, im Hintergrund den Püsser Krug und im Vordergrund eine Schutzhütte für die Wächter.
Ende des 19. Jahrhunderts entstand in England eine Bewegung mit dem Ziel, die Städte wohnlicher zu machen, Häuser in den Randgebieten zu errichten und diese per Eisenbahn mit den Zentren zu verbinden. Auch in Schwerin gab es Befürworter einer solchen „Gartenstadt“ mit eigenen Häuschen für einfache Leute. Heinrich Bilguer, großherzoglicher Hausmeister für die Staatsgebäude und Leiter der Gewerbeschule, stieß diese Idee an – angeregt von anderen Gartenstädten. Aber während der Großherzog dem Projekt positiv gegenüberstand, lehnte die Stadt es ab. Nichtsdestotrotz gründete sich 1912 die Gartenstadtgenossenschaft, die schnell 100 Mitglieder hatte. Doch der Wunsch zu bauen scheiterte am fehlenden Grundstück. Die Genossenschaft wandte sich jetzt an die Gemeinde Ostorf, die der Domanialverwaltung unterstand und ein Grundstück von 40.000 Quadratmetern zwischen Hagenower und Ludwigsluster Straße verkaufte. Leider ging es immer noch nicht los – die Frage der Abwasserbeseitigung war nicht geklärt. 1916 gab es ein Donnerwetter des Großherzogs, das allerdings wenig beschleunigte, 1918 kam die Novemberrevolution und Friedrich Franz IV. dankte ab.
Erst nach der Eingemeindung dieses Teil von Ostorf 1920 wurden in der Buchholzallee die ersten Zweifamilienhäuser errichtet – Schwerins Gartenstadt begann zu wachsen. „Das Leben hier war aber nicht nur romantisch, sondern vor allem im Winter beschwerlich“, weiß Wolfgang Leist. Er ist Neu-Gartenstädter, Vorsitzender des Vereins „Bürger für die Gartenstadt“ und erforscht die Geschichte des Stadtteils. Die nächste Straßenbahnhaltestelle war an der Freilichtbühne, wer in die Stadt wollte, musste bis dorthin laufen oder gleich ganz zu Fuß gehen. Anfangs bestand die Gartenstadt aus etwa 55 Häusern, in der Haselholz- und in der Hagenower Straße entstanden später noch einige Villen. Dann kam 1929 die Weltwirtschaftskrise – und es war wieder Schluss mit dem Baugeschehen. Während der 30-er Jahre kamen an der Ludwigsluster Chaussee ein große Ziegelbau mit Wohnungen und zwei Kasernen hinzu. Als diese im Jahr 2000 abgerissen wurden, war der Weg für die Neue Gartenstadt frei, die zu den jüngsten Bebauungsgebieten der Stadt gehört – so ein nicht vollständiger Schnelldurchlauf in Gartenstadt-Geschichte.
Und der Püsser Krug, wo alles begann? Er war jahrhundertelang Wirtshaus und blieb es bis in die 1940-er Jahre. 1907 brannte das reetgedeckte Haus mit der benachbarten Ausspanne nieder, aber schon 1908 öffnete der neue Püsser Krug, erweitert um einen großen Festsaal. Der properen Ausflugsgaststätte ging es gut – bis der Krieg begann. Die Soldaten rückten ein, den Zurückgebliebenen fehlte das Geld. 1943 wurden im Püsser Krug Zwangsarbeiter aus Osteuropa untergebracht, sechs Monate später folgten italienische Kriegsgefangene. Nach dem Krieg fehlten der Eigentümerfamilie die Kraft und die Mittel, um das Geschäft weiterzuführen. Das Haus wurde der Wohnungsverwaltung übergeben und war nacheinander Konsum, Stadtteilbücherei und Mütterberatungsstelle. 1979 ließ es die Stadt ohne Rücksprache mit den Eigentümern abreißen. So verschwand das erste Haus der Gartenstadt aus dem Stadtteil – die Erinnerung an den Püsser Krug bleibt.
Vereinsvorsitzender Wolfgang Leist ist weiter auf der Suche nach Fotos und Geschichten zur Gartenstadt. Sie haben etwas zu erzählen? Telefon (0385) 51 21 93, E-Mail wolfgangleist@gmx.de