13.02.2026

Hausgeschichten

Ein Kaufhaus für Schwerin

Von Honig bis Kressmann: Warenhaus in der Mecklenburgstraße ist in der Stadt eine Institution
Leistung zieht an: Damit warb das HO-Kaufhaus „Magnet“, das in der Schweriner Einzelhandelslandschaft ein wichtiger Faktor war.
like-imagelike-image
share email
dislike-imagedislike-image

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute im Kaufhaus Kressmann, das seit Ende des 19. Jahrhunderts die Schweriner anzieht.

Heute sind es oft nur zwei, drei Klicks bis zur neuen Hose. Die lassen sich im Schlabberlook und zwischen Tür und Angel erledigen. Anders im 19. Jahrhundert, als elegant gekleidete Damen und Herren die Auslagen der Kaufhäuser begutachteten. Es war eine neue Art des Einkaufens und 1881 kam sie auch nach Mecklenburg: Damals gründete der Einzelhandelskaufmann Rudolph Karstadt in Wismar sein erstes Kaufhaus.
1898 eröffnete auch der Unternehmer Rudolf Honig in Schwerin an der Ecke von Kaiser-Wilhelm-Straße und Martinstraße ein Textilgeschäft. Das Gebäude hatte er zuvor gekauft und umgebaut. 
Neben Honigs Geschäft in der Nummer 19 war die Nummer 21 ein älteres Fachwerkgebäude, das im Februar 1910 abgerissen wurde: Der Platz für einen Neubau war frei. Schon im März begannen die Bauarbeiten und am 1. Oktober 1911 empfing das Kaufhaus Honig hier seine Kunden mit einem neuen Eingang zwischen zwei großen Schaufenstern. Vorbild für die Gestaltung war das 1904 gebaute Berliner Kaufhaus Wertheim.
Gründer Honig lebte zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr: Nach seinem Tod 1908 hatte Friedrich Lembcke das Kaufhaus übernommen – so steht es in den Akten des Stadtarchivs.
Beginnend mit dem Jahr 1912 wird ein neues Kapitel in der Kaufhausgeschichte aufgeschlagen: Das Haus gehört jetzt Konrad Kressmann. Er ist ein Sohn des Maurermeisters Carl Kressmann aus Gützkow in Vorpommern und macht wie seine Brüder Carl, Wilhelm und Emil im Handel Karriere.

Mit den gut gehenden Geschäften im Innern wird auch das Äußere des Kaufhauses repräsentativer. 1926 eröffnet ein Erweiterungsbau, den der Schweriner Architekt Hans Stoffers entworfen hat. Dafür war zuvor in der Nummer 23 ein weiteres Fachwerkhaus abgerissen worden. Die schwierigen Gründungsarbeiten hatten im April 1926 begonnen und sich bis zum Juli des Jahres hingezogen. Der Baugrund war nicht der beste, da die heutige Mecklenburgstraße entlang des alten Fließgrabens verläuft. Belohnt wurde die Investi­tion mit zwei weiteren großen Schaufenstern zur Flanierstraße. Stoffers plante die Erweiterung in Anlehnung an den Neubau von 1910/11, für den er bereits den von Wertheim inspirierten Entwurf geliefert hatte. 

Eine Zäsur brachte der Zweite Weltkrieg. Die Kressmanns verließen die sowjetische Besatzungszone in Richtung Westen und das Kaufhaus ging in Volkseigentum über. Der zurückgebliebene Prokurist wurde 1950 verhaftet.
Die Kaiser-Wilhelm-Straße hieß jetzt Straße der Nationalen Einheit, von der man sich in den darauffolgenden Jahren jedoch immer mehr entfernte. Das war natürlich auch im HO-Kaufhaus „Magnet“ spürbar. Dennoch gab es hier von Damenstrümpfen und Herrenhemden über Kurzwaren und Kosmetik bis zum Spielzeug ein breites Sortiment. Als Magnet erwies sich der DDR-Einkaufstempel also durchaus. Das zeigte unter anderem die lange Reihe von Kinderwagen, die oft entlang der Schaufenster auf dem nun Hermann-Matern-Straße genannten Boulevard stand – viele Mütter parkten ihre Babys während des Einkaufs einfach vor der Tür. „Leistung zieht an“ lautete der im Fenster zu lesende Werbespruch und möglicherweise galt das ja auch für die Selbstbedienungs-Gaststätte „Blitz-Gastronom“, die im Juni 1966 mit 72 Plätzen im Erdgeschoss eröffnet wurde. 

Mit der Wende konnten Kressmanns das Schweriner Haus zurückkaufen. 1991 wurde es nach Umbau und Rekonstruktion der Außenfassade als Textilkaufhaus wiedereröffnet. Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz.

Katja Haescher