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Hygiene und Brausebäder

Weil im Stadtbad fast keiner mehr baden wollte, ist es nun ein Büro-Gebäude
Foto: S. Krieg
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon daran vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute: das ehemalige Stadtbad am Spieltordamm 9, Pfaffenteich-Nordufer.

„Diese hohe und kaum glaubliche Überschreitung hat nicht geklärt werden können. Im übrigen wird das Stadtbad doch nicht so stark vom Publikum in Anspruch genommen, wie man es erwartet hätte. Das Stadtbad ist ein Zuschußbetrieb“, schreibt Hermann Milenz in seiner Chronik „Schweriner Zeitgeschehen von 1892 bis einschl. 1935“. Was er mit der „kaum glaublichen Überschreitung“ meinte: Der Bau kostete 361.000 Mark anstelle der veranschlagten 120.000 Mark.

Verdreifachung der Baukosten, Zuschussbetrieb – kommt einem bekannt vor. Aber das hier ist neunzig Jahre her: Das Schweriner Stadtbad eröffnete am 22. Januar 1926 (Baubeginn: 1925). Drei Jahre zuvor schloss die Hovemannsche Badeanstalt, ein Warmbad nahe des Burgsees; dem privaten Betreiber ging trotz städtischer Zuschüsse das Geld aus, unter anderem weil die Kohlen zu teuer waren.
Ob die Schweriner in der Folgezeit langsam verdreckten, ist nicht bekannt, aber wer hatte damals schon ein eigenes Badezimmer, jedenfalls sollte das neue Stadtbad für bessere hygienische Bedingungen in Schwerin sorgen, das Mitte der zwanziger Jahre immerhin rund 50.000 Einwohner zählte. Das Haus am Spieltordamm war für damalige Verhältnisse hochmodern ausgestattet, zum Angebot zählten Wannen- und Brausebäder, aber auch medizinische Bäder. Später sollte das Stadtbad sogar noch um eine Schwimmhalle erweitert werden. Das Stadtbauamt rechnete aus, dass dies 523.320 Reichsmark kosten würde. Die Idee wurde verworfen.

Selbst die ersten Ideen sahen bereits mehr vor als nur ein Warmbad. So wurde der Standort unter anderem deshalb dicht am Ziegelsee gewählt, weil sich an das Badehaus eine See-Badeanstalt anschließen sollte – die dann aber auch nicht eingerichtet wurde. Außerdem spielten die Planer mit dem Gedanken, das Kühlwasser des E-Werks zu nutzen, das bereits Ende 1904 ans Netz ging. Daraus wurde ebenfalls nichts. Die Pläne für das Stadtbad wurden 1924 von Hans Stoffers entwickelt und ein Jahr später überarbeitet. Am 30. Juni 1925 übernahm die Stadt das benötigte Areal. In dem entsprechenden Vertrag heißt es: „Der Freistaat Mecklenburg-Schwerin überläßt der Hauptstadt Schwerin das […] Grundstück […] in einer Größe von 1520 qm in Erbpacht […].“

Am 20. Januar 1945 musste das Stadtbad schließen; das Fundament war durch mehrere Detonationen beschädigt. Ein Jahr später jedoch konnten die Schweriner dort schon wieder ein Bad nehmen. Die Zeitung Der Demokrat begrüßte dies in ihrer Ausgabe vom 12. Januar 1946 sehr – vor allem mit Blick auf „die besonders hohe Umsiedlerzahl“ und „die zeitbedingten schwierigen Hygieneverhältnisse“.
Zu DDR-Zeiten nahmen die Bürger ihr Stadtbad gern in Anspruch. Täglich 120 Kunden und „180 Wannenbäder aller Art“ vermeldete die Norddeutsche Zeitung am 26. Mai 1968. Allerdings ließ der Andrang mit den Jahren nach; die Schweriner Wohnungen waren ja zunehmend mit eigenen Bädern ausgestattet.

Letztlich kam fast keiner mehr. Und so wurde das Gebäude im April 1991 an einen Investor aus Flensburg verkauft, der es kurz darauf zu einem Bürohaus umbauen ließ. Vor vier Jahren erwarb Jörg Seemann (Seemann Tiefbau) die Immobilie.
In dem Haus befindet sich seit Ende 2005 die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS). Weitere Mieter sind unter anderem eine Versicherung, eine Rechtsanwaltskanzlei und ein Kurierdienst. S. Krieg