Hausgeschichten

Haus des Maurerpoliers Jentz

Das Gebäude Werderstraße 129 gehört zum Villenensemble gegenüber dem Marstall
Die denkmalgeschützte Villa mit der markanten Veranda heute
like-imagelike-image
share email
dislike-imagedislike-image

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: die Villa in der Werderstraße 129.

Ruth Nafe macht es traurig, wenn sie an der Villa gegenüber vom Schloss vorbeikommt. „Ich verfolge den Verfall des Gebäudes schon lange. Inzwischen ist die Veranda fast zusammengebrochen. Das weist in diesem Bereich massive Feuchtigkeitsschäden auf“, sagt sie. Die Schwerinerin hat viele Jahre dort gelebt. Sie blickt zurück: „Im Haus Nummer 129 habe ich das Licht der Welt erblickt, meine Kindheit verbracht, geheiratet und gewohnt.“
Von 1951 bis Mitte der 1970er Jahre befand sich ihr Zuhause in der Villa, rund zehn Jahre später sei dann auch ihre Mutter dort ausgezogen. Noch heute erinnert sie sich gut an den schmucken Bau: „Über einen mit schwarz-weiß-rotem Terrazzo-Boden ausgelegten Torweg und durch eine doppelflügelige Tür, deren Glas mit kunstvoll gestalteten schmiedeeisernen Gittern geschützt war, gelangte man ins Treppenhaus. Drei breite gewendelte Treppen führten ins Hochparterre und in die oberen Etagen. Große Fenster ließen Licht ins Treppenhaus. Die repräsentativen Räumlichkeiten waren mit dunklen Holztäfelungen und großen Schiebe- und Flügeltüren ausgestattet. Der Saal mit drei großen Fenstern war halbhoch vertäfelt, das Herrenzimmer und das Damenzimmer hatten vertäfelte Wände und Decken, Einbauschränke und Einbauregale. Ich erinnere mich, in den Fächern der Regale gespielt zu haben.“

Bauherr des Hauses war der Maurerpolier Friedrich Jentz. Mit Planung und Ausführung hatte er den Hofmaurermeister Ferdinand Schultz beauftragt, der viel in der heutigen Werdervorstadt gewirkt hat. Nach ihm wurde später sogar eine Straße in dem Stadtteil benannt. Schultz legte seinen Plan 1864 vor, im selben Jahr war der Rohbau fertig und 1865 das Haus in Gänze. Genehmigen lassen hatten sie sich den Bau des Hauses direkt vom Großherzog; an so exponierter Stelle konnte man schließlich nicht einfach bauen, wie man wollte

Eigentümerin und Bewohnerin der Villa war ab 1866 eine gewisse Frau von Schack, geborene Maltzahn. Auch im Wohnungsanzeiger 1878   ist sie noch verzeichnet; inzwischen wohnte aber der Ministerialdirektor von Amsberg ebenfalls dort.

Zu dem Zeitpunkt lautete die Adresse des Hauses Annastraße 3, und es waren noch nicht alle Abschnitte der heute von der Knaudtstraße bis zur Graf-Schack-Allee durchgehenden Trasse exis­tent. Erst 1910 wurde das letzte Stück (am Großen Moor) beendet. Ab 1939 betrachtete die Stadt alle Abschnitte zusammen als nur eine Straße, die zunächst Graf-Heinrich-Straße hieß und deren Häuser neu durchnummeriert wurden. Ihren heutigen Namen Werderstraße erhielt sie 1945. Auch die anderen Villen der Reihe der Häuser 125 bis 139 entstanden in den 1860er Jahren. Bei den letzten drei trat Zimmerermeister Krack als Bauherr auf, ansonsten ebenfalls Jentz.

Die markante Veranda auf der Straßenseite des Hauses 129 wurde erst später angebaut. Den Plan dazu legte die „Eisengießerei u. Maschinenfabrik F. Crull & Comp.“ aus Wismar im September 1900 der Baubehörde vor.
Eine wichtige Modernisierung erfuhr das Gebäude bereits ein paar Jahre zuvor. Der Oberhofmeister Graf von Bassewitz ließ sich in den 1890er Jahren ein Be- und Entwässerungssystem in das Haus ein­bauen (zu dem Zeitpunkt gehörte ihm die Immobilie). Der Plan stammt vom Mai 1892.

Der Besitzer des Hauses wechselte später erneut. Laut Adressbuch von 1931 wohnte dort unter anderem der Regierungsrat Carl August von Bülow. Der Name von Bülow sollte im Zusammenhang mit dem Haus weiter eine Rolle spielen. In einem Schreiben vom Dezember 1944, das Oberbürgermeister Richard Crull an das Stadtbauamt richtete, heißt es: „Von der Wohnung des Landrats v. Bülow (…) sind 2 Zimmer beschlagnahmt und an den Kriminal-Kommissar Hübner vermietet worden. Für diese beiden Räume ist eine Behelfsküche herzurichten.“

Auch in den 1950er und 1960er Jahren schufen sich immer wieder Bewohner zusätzliche Annehmlichkeiten in ihren Wohnungen, zum Beispiel halbwegs vernünftige Küchen. Bis in die 1960er Jahre teilten sich zudem zwei Wohnungen ein Bad. Das sollte geändert werden. So kümmerte sich die Kommunale Wohnungsverwaltung zum Beispiel 1964 um den „Bad- und Closett­einbau im I. Obergeschoss“.

Bereits im Februar 1955 beschloss der Rat des Stadtbezirkes II der Stadt Schwerin die Bestellung einer sogenannten Aufbau-Grundschuld in Höhe von 19.000 Mark, die dem „Wiederaufbau des beschädigten bzw. zerstörten Grundstücks“ dienen sollte. Als Hauseigentümer werden in der Urkunde sechs Mitglieder der Familie von Bülow erwähnt, von denen vier in Westdeutschland, eines in Südafrika und eines in Meckl­enburg lebten. Das Haus gehört inzwischen Detlev Werner von Bülow.

Die Werderstraße 129 blieb lange Zeit ein Wohnhaus. Derzeit hat aber nur eine Versicherungsagentur dort ihren Sitz; der letzte Wohnungsmieter, der Autor Dr. Jürgen Schmidt-Pohl, ist Ende 2019 dort ausgezogen. Das Haus steht unter Denkmalschutz. Zu geplanten Renovierungen möchte sich von Bülow derzeit nicht weiter äußern. Er sei noch in der Planungsphase und müsse sich mit den Behörden abstimmen. S. Krieg