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Gute Stube statt Mühlstein

Aus der früheren Windmühle in der Pestalozzistraße wurde ein Wohnhaus
Heute ist nur noch mit viel Fantasie zu erkennen, dass dieses Haus mal Teil einer Windmühle war.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: die einstige Windmühle in der Pestalozzi­straße 9/11.

Bis 1866 galt auch in Schwerin der sogenannte Mühlenzwang (auch Mahlzwang genannt). Das heißt, die Getreideerzeuger durften ihr Getreide nicht mahlen lassen, wo sie wollten, sondern mussten es in ihrem jeweiligen Mahlbezirk zu Mehl verarbeiten lassen. Als dann ab 1867 also die Müller mit der Aufhebung des Mahlzwangs die Monopolstellung in ihren Bezirken verloren hatten, versuchten viele Mühlenbetreiber ihr Geschäft auszuweiten, und es begann die große Zeit des Windmühlenbaus.

Obwohl bereits kurz nach Stadtgründung die erste Mühle urkundlich erwähnt wird (1191 die Bischofsmühle), wurden etwa die Hälfte aller Mühlen, die je in Schwerin existiert haben, nach 1867 errichtet. Ungefähr zehn waren es. Maximal so viele bestanden in unserer Stadt auch mal gleichzeitig, denn ständig brannten Mühlen ab, einige von ihnen wurden wiederaufgebaut, andere nicht.
Den Flammen fiel auch die Windmühle vom Typ Galerieholländer zum Opfer, die zwischen der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße und der heutigen Pestalozzistraße stand.

Ein gewisser Heinrich Awe ließ diese Mühle 1871 errichten; sie gehörte wirtschaftlich zur Bischofsmühle, die sich nicht weit entfernt am Aubach befand. Es war damals üblich, dass sich die Müller mehrere Standbeine schufen: Mal gab‘s wenig Wasser und viel Wind, und dann war‘s auch wieder andersrum. Bei gutem Wind leis­tete die Windmühle um die 20 PS.

Bis zum Jahr 1910 drehten sich an dieser Stelle die Flügel, dann brannte die Mühle ab, das Backstein-Untergeschoss blieb jedoch im Wesentlichen erhalten. Roggen und Weizen verarbeitete man hier jedoch fortan nicht mehr. Stattdessen wurde der Rest der Galerieholländer-Windmühle ab Herbst 1911 zu einem Wohnhaus umgebaut. Die Entwürfe dazu stammten vom Architekten Willy Taebel, der allein in Schwerin bis zu seinem Tod 1929 an mehr als 50 Bauten beteiligt war.

Die ersten Bewohner des einstigen Mühlensockels hatten im Prinzip keine Nachbarn, denn ringsum befand sich nur Gartenland. Die nächsten Häuser waren ein paar Industriebauten nahe des heutigen Obotritenrings und an den Bahngleisen.
Das mit der Einsamkeit änderte sich Mitte der 1930er Jahre. Insgesamt 54 Häuser ließ die Kleinwohnungsbaugesellschaft von 1936 bis 1937 in der Gegend errichten. In diesem Zuge entstanden auch die Danziger Straße (heute Gerhart-Hauptmann-Straße), die Klagenfurter Straße (Dr.-Külz-Straße), die Eupener Straße (Rosa-Luxemburg-Straße), die Memeler Straße (oberer Teil der
Pestalozzistraße) und die Bromberger Straße (unterer Teil der Pestalozzistraße). So wurde das Mühlenhaus gewissermaßen in das heute noch existierende Wohngebiet nordöstlich des Platzes der Freiheit integriert. Nach der Wende wurde das Gebäude saniert, weiterhin dient es als Wohnhaus. S. Krieg