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Großherzogs „Garage“

Der Marstall gehört zu den markantesten Gebäuden des Residenzensembles
Lang für Wanderungen: Wer den Marstall komplett umrunden will, legt einen Kilometer zurück. Foto: Haescher
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute im großherzoglichen Marstall, der zu den markantesten Gebäuden des Schweriner Residenzensembles gehört.

Wer von oben auf Schwerins Altstadt guckt, staunt. Klar, dass Schloss und Dom als markante Gebäude hervorstechen, aber ein anderes ist von der Fläche gesehen noch größer: der Marstall. „Wenn man ihn entlang der Außenwand komplett umrundet, hat man so ziemlich genau 1000 Meter zurückgelegt“, sagt Architekt Michael Mikolajczyk. Das Schweriner Architektenbüro mkk.architekten hat zwischen 1999 und 2009 die grundlegende Sanierung des Gebäudekomplexes geplant und betreut.
Eine Arbeit, die mit historischen Recherchen und einem Blick in die alten Baupläne begann. Zwischen 1838 und 1842 entstand der großherzogliche Marstall nach Plänen von Schwerins prägendem Architekten Georg Adolph Demmler auf den Wadewiesen unweit des Schlosses. Kurz zuvor, im Jahr 1837, hatte Großherzog Paul Friedrich den Hof von Ludwigslust zurück nach Schwerin verlegt und brauchte nun ein Gebäude zur Unterbringung von Pferden und Wagen. Der ausgewählte Platz war ursprünglich eine Insel, auf der sich der Holzhof des Schlosses befand. Durch Aufschüttungen entstand daraus eine Halbinsel. Was blieb, war ein problematischer Baugrund, auf dem Demmler Holzpfähle rammen ließ, die einen Holzrost trugen. Auf diesem entstand anschließend die Reithalle mit jeweils sechs anschließenden Trakten zu beiden Seiten. „Den Holzrost haben wir mit einer Abweichung von zwei, drei Zentimetern zur Zeichnung gefunden, so genau wurde damals schon gebaut“, sagt Michael Mikolajczyk. Im südlichen Flügel, der heute zum Sozialministerium gehört, befanden sich die Pferdeställe, im gegenüberliegenden heutigen Bildungsministerium Remisen für die Kutschen. Die Kantine neben der Reithalle beherbergte einst die edlen Reitpferde – Großherzogs Ferraris“, wie der Architekt mit einem Augenzwinkern sagt. Der im Winkel von 90 Grad dazu liegende Längstrakt war Stall für die Kutschpferde. Und zwar ein edler: Kassettendecken und gusseiserne Säulen prägten das Bild. Damit die Pferde nicht im Nassen standen,  hatte Demmler für den Fußboden einen Belag aus geriffeltem Steinkohleteer, eine Art Bitumen, gewählt, der auf einem unterlüfteten Gewölbe lag. Eine damals ganz neuartige Technik mit einem modernen Material – „da war Mecklenburg einmal nicht 100 Jahre hinterher“, sagt Michael Mikolajczyk.
Ein kleines Schaufenster in diese Historie haben die Architekten deshalb bei der Sanierung erhalten: In einem der Flure des Sozialministeriums sind Decke, Säulen und Fußboden im ursprünglichen Zustand zu sehen. Glaswände markieren die einstigen Pferdeboxen, die Fenster sind bis auf die Oberlichter verbrettert – so, wie es ursprünglich im gesamten Pferdetrakt der Fall war.
Als Fahrbereitschaft des Schlosses verfügte der Marstall auch über das erste Telefon Schwerins. Das Gegenstück stand im Schloss und wenn der Großherzog ausfahren wollte, kam der Anruf: Bitte anspannen! Um die Pferde zu pflegen und zu regen, sie zu beschlagen und Zaumzeug und Kutschen instand zu halten, waren im Marstall zahlreiche Angestellte – vom Pferdeburschen bis zum Stallmeister – beschäftigt. Der Amtskalender von 1848 führt hier rund 70 Bewohner, die in den dreigeschossigen Eckpavillons untergebracht waren. Der Innenhof wurde genutzt, um die Pferde zu bewegen, bei schlechtem Wetter stand dafür die Reithalle zur Verfügung, die aber auch schon zu Großherzogs Zeiten für andere Veranstaltungen genutzt wurde. 1848 traf sich hier der Reformverein, 1868 und 1873 fanden das V. bzw. VII. Mecklenburgische Musikfest statt und 1898 lockte die Landesgartenbauausstellung.
Mit der Abdankung des Großherzogs 1918 ging der Marstall in das Eigentum des Freistaates Mecklenburg-Schwerin über und wurde vermietet. In den 30er-Jahren nutze das Nationalsozialistische Kraftwagen-Korps (NSKK) das Gebäude als Ausbildungsstützpunkt und Abstellplatz für Fahrzeuge. Nach 1945 zog dann die Sowjetische Armee ein, der Marstall verschwand jetzt hinter einem hohen Bretterzaun. Nach dem Abzug 1956 wurden in das Gebäude Büros eingebaut. Die Reithalle war erst Turnhalle und später Spielort fürs Mecklenburgische Staatstheater, das hier zum Beispiel mit Shakespeare-Inszenierungen begeisterte. Nach der Wende zogen Sozialministerium und Bildungsministerium in den Marstall ein, dessen Sanierung 2009 abgeschlossen wurde.