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Großer Bahnhof auf dem Bahnhof

Repräsentatives Stationsgebäude im Stil der Gründerzeit begrüßt Schwerin-Besucher und Einheimische
Fotos: Katja Haescher
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in einem Gebäude, das jeder Reisende als erstes kennen lernt, wenn er mit dem Zug in die Landeshauptstadt einrollt: dem Bahnhof.

Wer spät dran ist, wird sicher durch die Türen stürmen, ohne die Fassade eines Blickes zu würdigen. Und mancher, der in Schwerin ankommt und auf den Grunthalplatz hinaus tritt, wirft keinen Blick zurück. Aber das ist schade. Denn der Schweriner Hauptbahnhof gehört ohne Übertreibung zu den schönsten im Land.
Das zwischen 1889 und 1890 im Stil der Gründerzeit errichtete Gebäude löste einen Vorgängerbau ab, der für die Residenzstadt zu klein geworden war. 1847 hatte Schwerin mit einer Verbindung nach Hagenow Anschluss an die Eisenbahn erhalten, in den Folgejahren kamen weitere Linien dazu. Klar, dass ein repräsentativer Bahnhof nicht fehlen durfte.
Der befand sich allerdings noch in der Bauphase, als 1889 Kaiser Wilhelm II. und seine Gemahlin Augusta Viktoria nach Schwerin reisten. Um den Monarchen trotzdem standesgemäß zu empfangen, wurde zuerst der Südpavillon mit den so genannten Fürstenzimmern fertig gestellt. „Wenn hohe Herrschaften mit dem Zug in Schwerin ankamen, konnten sie hier Wartezeiten – zum Beispiel bis zur Weiterfahrt mit der Kutsche – angenehm verbringen“, erklärt Bahnmitarbeiterin Christina Dobler. Wer den herrschaftlichen Warteraum besucht, betritt heute zuerst eine Terrasse und anschließend ein kleines Vestibül, das einst aufwändig geschmückt war. Eines der unter weißer Farbe verschwundenen Deckenfelder ist vor zwei Jahren restauriert worden. So entsteht ein Eindruck der einstigen Pracht dieses Eingangsbereichs, der mit Stuck und Vergoldungen prunkte. Die Flügeltüren, die in den fürstlichen Salon führen, und die holzgetäfelte Decke sind ebenfalls erhalten. Die dunkle, fast erdrückende Holzdecke trägt das preußische und das mecklenburgische Landeswappen und gibt dem ganzen Raum einen würdevollen Charakter.
Weniger aufwändig, aber mindestens genauso schön ist die Decke des ehemaligen Warteraums zweiter und dritter Klasse, der sich im Nordpavillon befindet. Zu DDR-Zeiten gehörte dieser Bereich zur meist übel beleumdeten Mitropa, heute sind hier Büros untergebracht. Die alten gusseisernen Pfeiler, die die Decke tragen, wurden bei der Sanierung in die moderne Ausstattung integriert. Auch das Fürstenzimmer überstand die Zeit als Büro. Nachdem der Großherzog 1918 abgedankt hatte, gingen die Räume 1919 an die Eisenbahn. Hier saß der Leiter der Dienststelle, eine Zeitlang war in diesem Gebäudeteil auch das Fundbüro untergebracht und die Abfertigungskasse, in der die Gehälter noch in Tüten ausgezahlt wurden.
Äußerlich hat sich der Hauptbahnhof in den zurückliegenden Jahren kaum verändert. Unter der „alten“ Hülle allerdings steckt eine moderne Station, die 2008 von der Allianz pro Schiene zum „Bahnhof des Jahres“ in der Kategorie „Städte unter 100.000 Einwohner“ gewählt wurde. Im Zuge der Sanierung wurde zum Beispiel auch der alte Fußgängertunnel überflüssig, der in den 1920er Jahren entstand.
Von den Empfängen, wie sie einst für Kaiser Wilhelm II. stattfanden, ist dagegen etwas geblieben – in der Sprache. Denn ein solches feierliches Willkommen mit allen Regeln höfischen Zeremoniells  wurde bald mit dem Begriff „Großer Bahnhof“ umschrieben.