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Freundlicher Anblick,?reizende Aussicht

Der Jugendtempel im Schweriner Schlossgarten gibt dem Park ein Stück Geschichte zurück
Vom Tempel bietet sich eine herrliche Aussicht. Foto: Rainer Cordes
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in einem Bauwerk, das streng genommen gar keine hat. Der Jugendtempel im Schlossgarten ist eine Konstruktion, deren Zweck in der Ästhetik liegt.

Von „einem herrlichen Bild“ schwärmte der Schreiber des Freimüthigen Abendblatts, als er am
17. Juni 1836 das Aussehen des kleinen Tempels und des umliegenden Gartens beschrieb. „Ergreifend schön und erhaben zugleich“ sei die Rundsicht vom offenen Pavillon, der vom Fuße der Anhöhe einen freundlichen Anblick biete. Damit ist die wichtigste Aufgabe der kleinen Rotunde bereits genannt: schön sein. Im 19. Jahrhundert entstanden zahlreiche Landschaftsparks im englischen Stil, die das Ideal eines „begehbaren Landschaftsgemäldes“ zum Ziel hatten. Und was könnte so ein Bild schöner machen als ein malerischer Tempel? Kein Wunder, dass die kleinen Pavillons regelrecht in Mode kamen – einer der bekanntesten steht im Englischen Garten in München.

Auch in Schwerin wuchs der Schlossgarten über den barocken Teil hinaus, um mit Baumgruppen, Hügeln und geschwungenen Wegen den neuesten Trend bei der Gartengestaltung aufzunehmen. Vermutlich 1824 entstand auf einer Anhöhe ein kleiner Tempel. Der Bauplan, den Barca damals zeichnete, ist erhalten geblieben. Das erwies sich als Glücksfall, als es um den Wiederaufbau ging: Der Monopteros, der jetzt wieder auf dem Tempelberg grüßt, entstand nach dem Vorbild dieses Pavillons mit acht Säulen toskanischer Ordnung und einem Kuppeldach. Und mit viel langem Atem: Als die Schweriner Schlossfreunde sich dafür entschieden, das Projekt als Verein anzupacken, konnten sie den Berg Arbeit nur erahnen.

Größer als die Angst vor Schwierigkeiten war jedoch der Wunsch, den südlichen Schlossgarten wieder nach historischem Vorbild zu komplettieren –besonders im Hinblick auf die Welt­erbe-Bewerbung mit dem Residenzensemble.
Und auch wenn Großherzog Paul Friedrich 1837 von einer UNESCO-Welt­erbeliste noch nichts ahnte, lag ihm der kleine Pavillon am Herzen. Vielleicht, weil er aus Anlass seiner Hochzeit mit der preußischen Prinzessin Alexandrine errichtet worden war? Oder weil die Säulenrotunde einfach das i-Tüpfelchen auf dem Gartenkunstwerk darstellte? Nachdem am 29. November 1836 ein Orkan den Tempel zerstört hatte, begann schon im folgenden Frühjahr der Wiederaufbau. „Auch ein neuer Pavillon steigt schon an der Stelle empor, wo der Sturm … den alten Tempel darnieder streckte. So gewinnt denn alles in und um Schwerin ein besseres, freundlicheres Aussehen“, berichtete das Freimüthige Abendblatt am 17. März 1837, nicht ohne den Wunsch „Gott segne Schwerin!“ hinzuzufügen.

Es war das Jahr, in dem Paul Friedrich nach dem Tod seines Großvaters Friedrich Franz I. die Regierungsgeschäfte übernommen, die Residenz zurück nach Schwerin verlegt und zahlreiche Verschönerungen am Schlossgarten in Auftrag gegeben hatte.
Wie lange der 1837 errichtete Tempel stand – man weiß es nicht. Es gibt die Vermutung, dass er in den 60er bis 80er Jahren durch einen Neubau mit Rundbögen ersetzt wurde. Ein solcher Bau ist auf Ansichtskarten zu sehen, die aus der Zeit der Wende zum 20. Jahrhundert stammen und im Stadtarchiv aufbewahrt werden.  Fest steht, dass bis ins Jahr 1964 ein Pavillon auf dem Tempelberg stand, der in jenem Jahr wegen Baufälligkeit abgerissen wurde.

50 Jahre später ist die kleine Anhöhe erneut besetzt. Jetzt sieht es hier wieder so aus wie vor 175 Jahren, als Alexandrine und Paul Friedrich aus dem Fenster ihrer Sommerresidenz, der heutigen Kita „Schlossgeister“, auf den klassizistischen Rundbau schauten. Andersherum ist es genauso schön: Vom Tempelberg schweift der Blick über Grünhausgarten und Schleifmühlenweg bis zum Faulen See. Die Schlossfreunde können sich gut vorstellen, dass der offene Pavillon Konzerten und anderen Kulturveranstaltungen Raum geben kann. Inzwischen haben sie den Tempel in die Verantwortung des Betriebes für Bau und Liegenschaften übergeben, der den Schlossgarten für das Land Mecklenburg-Vorpommern verwaltet.

Dass der Tempelberg seinen Namen nach 50 Jahren wieder verdient, ist auf jeden Fall ein Grund zu feiern: Zum Auftakt des Schweriner Kultur- und Gartensommers wird der Jugendtempel offiziell eingeweiht. Am 1. Mai um 11 Uhr beginnt das Programm, das von Auftritten des Schlossvereins in historischen Kostümen bis zu Vorführungen des Tanztheaters Lysistrate und der Musik- und Kunstschule Ataraxia reicht. Bei hoffentlich herrlichem Frühlingswetter sind Schweriner und Gäste eingeladen, am Tempel die Picknickdecken auszubreiten und sich wie in Großherzogs Zeiten zu fühlen.  Katja Haescher

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