Hausgeschichten

Fachwerkhaus mit Geschichte

Das Gebäude Großer Moor wurde im 18. Jahrhundert errichtet und beherbergte einst ein Museum
Großer Moor 38 dieser Tage: Das Haus ist schön geworden, nur die Straßenbaustelle davor trübt das Bild.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: Großer Moor 38.

Nach dem Stadtbrand 1697 wurde in Schwerin nicht nur wiederaufgebaut, sondern auch gleich die Stadt erweitert – zu Beginn des 18. Jahrhunderts vor allem Richtung Osten. So entstand im unteren Abschnitt des Großen Moors, kurz vor der heutigen Werderstraße, eine Reihe von Fachwerkhäusern. Dazu zählt der Große Moor 38. Wahrscheinlich erst 1788 wurde das Gebäude in seiner heutigen Form aus zwei benachbarten Wohnhäusern errichtet.

Im Großen Moor wohnte ab dem Beginn des 18. Jahrhunderts eine bunte Mischung an Leuten, vor allem Handwerker und Adlige. In den folgenden Jahrzehnten kamen unter anderem Schauspieler, Intellektuelle und Kaufleute hinzu.

Von etwa 1790 bis 1830 lebte im Großen Moor 38 die Familie des Hof­agenten Michel Ruben Hinrichsen, die ein Wandbild malen ließ, das später unter Denkmalschutz kam. 1845 wurde für das Haus ein Stadtbuch (ab 1900 Grundbuch) angelegt. Der erste eingetragene Besitzer war der Geheime Legationsrat Karl Wilhelm Friedrich Prosch, 1848 bis 1856 Direktor im Finanzministerium.

Von 1862 bis 1865 wohnte der Geheime Medizinalrat Carl von Mettenheimer im Großen Moor 38. Das Haus gehörte aber nicht ihm, sondern dem Bauconducteur und späteren Landbaumeis­ter Heinrich Lütkens, der die Immobilie 1862 erwarb und gleich umbaute. Nach Lütkens Tod übernahm dessen Tochter Agnes Kaempf das Haus.

Inzwischen lebten im Großen Moor kaum noch reiche Bürger und Adlige, dafür aber zunehmend einfachere Familien, Händler und einige selbstständige Handwerker. Zu ihnen zählte der Schlossermeister Heinrich Reetz, der 1909 das Haus Großer Moor 38 kaufte. Er ließ sein Eigentum nach und nach modernisieren: 1911 stellte er im Nebengebäude einen Heizkessel auf, er teilte 1915 die Wohnung im Obergeschoss in zwei Einheiten, baute 1925, 1937 und 1942 neue Toiletten (mit Spülung) ein. Außerdem plante er 1915 eine Überdachung des Hofes und 1927 eine Dachetage auf dem Stallgebäude Und 1910 funk­tio­nierte Reetz eine Stube im Erdgeschoss zum Laden um, was er 1918 rückgängig machte.

1921 beschwerte sich einer von Reetz‘ Mietern bei der „Bau-Polizei-Behörde Schwerin“ über die Zustände in seiner Parterrewohnung. Fensterrahmen in der Küche und der Speisekammer seien verfault, so dass die Scheiben herausfielen, der Herd weise „fahrlässige Stellen“ auf, und die Schornstein-Reinigungstür habe große Löcher. Ob Reetz alles reparierte, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall waren viele Gebäude im Großen Moor (und nicht nur dort) in dieser Zeit zunehmend sanierungsbedürftig.

Oft fehlte es den Besitzern an Geld, alle Mängel zu beheben. Das blieb auch in den folgenden Jahrzehnten so. Anfang der 1950er Jahre mahnte die Stadt die „Ausbesserung“ einer der Wohnungen im Großen Moor 38 und die Installation eines Küchenherdes an. Außerdem stellten morsche Balken nach Ansicht der Behörden eine „Gefahr für Leib und Leben“ dar, und die Schornsteine hätten erneuert werden müssen, „so dass kein Unfall passiert“. 1960 brach tatsächlich ein Dachbalken durch. In jenem Jahr lebten in dem Haus neun Familien. Einige beschwerten sich, dass das Dach nicht repariert werde.

Bis 1969 blieb das Haus Großer Moor im Besitz der Familie Reetz (der Schlossermeister selbst starb 1946), dann ging es in Volkseigentum über. Ende der 1970er Jahre wurde das Haus wegen Baufälligkeit gesperrt und erst 1983 bis 1985 saniert. Im Juni 1985 zog das Stadtgeschichtsmuseum in den Großen Moor 38, wo es bis März 2006 blieb. Derzeit befinden sich an der Adresse Ferienwohnungen. S. Krieg