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Ein Haus mit Handwerkstradition

Die Seilerei Rose war über viele Jahre in der Schweriner Mecklenburgstraße 26 ansässig
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in der Mecklenburgstraße 26, wo ein Haus über Jahre untrennbar mit einer Schweriner Firma verbunden war: der Seilerei Rose.

Ob Strick, Netz oder Tau: Wer in Schwerin Seilereiwaren benötigte, ging zu Rose. Mehr als 250 Jahre lang war der Handwerksbetrieb die erste Adresse für Seile aller Art. Die Anschrift: Am Fließgraben, Kaiser-Wilhelm-Straße, Bismarckstraße, Straße der Nationalen Einheit, Hermann- Matern-Straße, Mecklenburgstraße. Und das, obwohl die Seilerei Rose länger als 100 Jahre lang nie umzog. „Nur die Straße erhielt immer wieder neue Namen. Das einzig Beständige war die Nummer 26“, erinnert sich Gisela Dunkel, geborene Rose. Sie ist die Siebte in einer langen Reihe von Seilern, die seit 1752 ihr Handwerk in Schwerin ausübten. Zuerst in der Helenenstraße und ab Mitte des 19. Jahrhunderts in der heutigen Mecklenburgstraße.

Direkt am Eingang in die 3. Enge Straße befand sich das Haus mit Ladengeschäft und einer kleinen Werkstatt mit Spinn- und Hechelkammer - viele Schweriner werden sich daran bestimmt noch erinnern. In diesem Haus wurde Gisela Dunkel 1926 in der Wohnung über der Werkstatt geboren. Und weil es in dieser Rose-Generation nur Mädchen gab, überredete Vater Friedrich seine Tochter zur Ausbildung im Seilerhandwerk. „Ich hatte den Beruf einer Bankangestellten gelernt und nun war ich plötzlich die einzige Frau weit und breit in der Seilerausbildung in Weißenberg, 400 Kilometer von zu Hause entfernt. Die Ausbildung war hart, es wurde mir nichts erspart“, erzählt die 83-Jährige. 1948 legte sie ihre Gesellenprüfung ab. Im gleichen Jahr bestand in Weißenberg der Seiler Rudi Dunkel seine Meisterprüfung. Die beiden heirateten und zogen zusammen nach Schwerin, wo sie die Seilerei in der Mecklenburgstraße von 1956 bis 1983 führten.

Auch das Ehepaar Dunkel wohnte über dem Laden. „Die Wohnung war groß und schön, aber sie hatte einen Nachteil: Weil das Haus vorn auf festem Grund und im hinteren Bereich auf Pfählen stand, waren die Fußböden nicht eben und wir mussten Keile unter die Möbel legen“, erinnert sich Gisela Dunkel, während ihr Mann mit einem Augenzwinkern hinzufügt: „Wenn man einen Eimer Wasser umkippte, musste man nur in einem Teil des Zimmers wischen.“ Das Gebäude, zur Mecklenburgstraße hin normal breit, streckt sich in der Tiefe 23 Meter weit in die Enge Straße. „Im Winter beim Schneefegen habe ich mich über diese Strecke immer besonders gefreut“, scherzt der 88-Jährige. Ein Stück altes Schwerin ist der Standort allemal: Vorn steht die Fassade des Hauses auf Fundamenten der historischen Stadtmauer.

Bis 1998 wohnte das Ehepaar Dunkel in den Mecklenburgstraße 26. Dann musste das Haus verkauft werden: Nach der Wende tauchten plötzlich weitere Erben auf, von denen einige Ansprüche stellten und ausgezahlt werden wollten. Der Laden, den zu diesem Zeitpunkt der Sohn leitete, zog in die Schusterstraße und danach in den Werderhof um. Dunkels suchten sich eine neue Wohnung.

Dorthin mitgenommen haben sie die zahlreichen alten Fotos, Chroniken und Gegenstände, die ein Stück Schweriner Handwerksgeschichte erzählen. „Nach Uhle waren wir das älteste Unternehmen der Stadt“, sagt Gisela Dunkel. Darüber hinaus genoss die Seilerei auch einen ausgezeichneten Ruf: So lieferte das Unternehmen zum Beispiel das Tauwerk für die Erstausstattung des Segelschulschiffs „Wilhelm Pieck“, die heutige „Greif “. Pokale, Erinnerungsplaketten und Glückwunschtelegramme zum 175. und weiteren Firmengeburtstagen haben Dunkels genauso aufbewahrt wie den Spleißnagel, der zum Handwerkszeug des Seilers gehört.

Dieses Handwerk, das über Jahrhunderte hoch geachtet war, verschwindet mehr und mehr. „Unser Sohn musste 2006 den Laden aufgeben“ , bedauert Rudi Dunkel. Grund dafür ist ein völlig veränderter Bedarf: Die Landwirtschaft, früher einer der Hauptkunden, ist heute nahezu komplett technisiert. Dazu kommt, dass neue Materialien eine schnelle industrielle Fertigung von Seilereiwaren ermöglichen. Dunkels hadern mit dieser Entwicklung nicht. Aber einen Wunsch haben sie trotzdem: Das Wissen über die Geschichte ihres Handwerks und ihres Unternehmens soll bewahrt werden. „Denn schließlich“, sagen beide, „hat die Seilerei Rose ein Stück Stadtgeschichte mitgeschrieben.“