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Ein Gebäude mit Charakter

Das Wohnhaus des Baumeisters Friedo Geertz in der Güstrower Straße 19
Das 1930 errichtete, denkmalgeschützte Haus weist viele Merkmale typischer Bauhaus-Architektur auf.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Wohnhaus Güstrower Straße 19.
Baumeister Friedo Fernando Geertz prägte das architektonische Antlitz unserer Stadt ganz wesentlich mit, vor allem das der heutigen Werdervorstadt. Geertz wirkte in Schwerin vorrangig kurz nach dem 1. Weltkrieg bis in die 1930er-Jahre. Von ihm stammen zum Beispiel die Häuser Bornhövedstraße 80-86, Bauten in der Walther-Rathenau-Straße sowie ein Haus in der Werderstraße 66, das dem Bau des neuen Horts der Heinrich-Heine-Schule weichen musste.
Insgesamt sind ungefähr 30 Geertz-Projekte (inklusive kleineren, wie An- und Umbauten) in Schwerin nachweisbar, das letzte von ihnen 1936 am Schwälkenberg. Es lässt sich nur vermuten, dass er auch später noch mit seiner Firma in der Landeshauptstadt aktiv war. Auf jeden Fall zog Geertz erst 1943 aus Schwerin weg nach Mittenwald (bei Gar­misch-Partenkirchen). Geboren wurde er übrigens am 28. Dezember 1885 in Wittenberge.
Im Jahr 1920 ließ er die Wohnhäuser Güstrower Straße 70-80 errichten. Gleich dahinter befand sich auch der Sitz seines Unternehmens, der Friedo Geertz Aktiengesellschaft für Bauausführungen. Wo der Baumeister zu diesem Zeitpunkt wohnte, ist nicht bekannt.
Klar ist jedoch, dass er sich 1930 in der heutigen Güstrower Straße 19 eine Villa bauen ließ. Die Bauunterlagen samt exakter Bauzeichnung reichte er Anfang Januar 1930 bei der zuständigen Behörde ein. Das zugehörige 1.380 Quadratmeter große Grundstück, zu der Zeit noch Ackerland, kaufte der Unternehmer jedoch erst einen Monat später.
Der Bauplan für Geertz‘ Wohnhaus war unterzeichnet von dessen Mitarbeiter Franz Schiemer, der später Mitarbeiter von Andreas Hamann, Leiter des Stadtbauamtes, wurde. Hamann persönlich war es auch, der den Bau in der Güstrower Straße genehmigte. In den Unterlagen zu dem Haus findet sich ergänzend eine Notiz von Hamann, der verfügte, dass „anschließende Bauten“ sich dem Charakter des Friedo-
Geertz-Hauses anpassen müssen. Wie man heute leicht erkennen kann, ist dies nicht geschehen.
Aber welchen Charakter hat denn das Haus überhaupt? Jörg Moll vom Stadtarchiv Schwerin sagt: „Das ist der Bau in Schwerin, der die meis­ten Merkmale von Bauhausarchitektur aufweist.“ Deutlich mehr noch als das Krematorium auf dem Alten Friedhof und die heutige Niklotschule am Obotritenring, die auch mit Bauhaus in Verbindung gebracht werden. Beide wurden von Andreas Hamann entworfen.
Typisch für Bauhaus-Architektur sind unter anderem Würfel, ineinandergeschoben wirkende Quader, schlichte Fassaden, Beton, gerade Linien, oft viel Glas und Fensterbänder.
Die legendäre Kunst-, Design- und Architekturschule wurde im April 1919 gegründet, sie wäre jetzt also 100 Jahre geworden. Anlass für Moll, sich in unserer Stadt auf Bauhaus-Spurensuche zu begeben. Im September wird der Archivar zu diesem Thema auch einen Vortrag halten. Auf welche Weise sich nun Geertz von dem Architekturstil hat inspirieren lassen, kann Moll nicht sagen. Jedoch sei es typisch für Architekten und Baumeister gewesen, dass sie im Bau ihrer eigenen Wohnhäuser eine günstige Gelegenheit sahen, Neues auszuprobieren.
Geertz‘ moderner Zweigeschosser umfasste insgesamt rund 400 Quadratmeter Nutzfläche. Neben diversen Zimmern, Bädern und Küche richtete er sich auch einen Büroraum ein. Und der Keller verfügte von Anfang an über eine Garage.
Auch nachdem der Besitzer im Alter von 58 Jahren in die Alpen gezogen war, blieb das Haus in seinem Besitz, jedoch hatte er eine seiner Töchter als Bevollmächtigte eingesetzt. Im Jahr 1947 überschrieb sie sich das Gebäude mit Einverständnis ihres Vaters selbst. Aber bereits fünf Jahre später war sie die Villa wieder los. Sie hatte offenbar der DDR den Rücken gekehrt oder dies zumindest geplant. Der Rat der Stadt berief sich für die Enteignung nämlich auf die „Verordnung zur Sicherung von Vermögenswerten“, die die Regierung am 17. Juli 1952 erlassen hatte. Paragraph 1 der Verordnung sah vor: „Das Vermögen von Personen, die das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik verlassen, ohne die polizeilichen Meldevorschriften zu beachten, oder hierzu Vorbereitungen treffen, ist zu beschlagnahmen.“
Inzwischen befindet sich die Immobilie, nach wie vor ein Wohnhaus, wieder in Privatbesitz, vor einigen Jahren wurde das Gebäude saniert.
Bauherr Friedo Fernando Geertz ist 1954 noch einmal umgezogen, diesmal nach München. Vier Jahre später starb er. Am 20. August 1958 wollte er im „Karwendel-Express“ von einer Reise aus dem Norden in die bayerische Metropole zurückkehren. Weit schaffte es der 72-Jährige leider nicht mehr: Noch vor Lüneburg kam er im D-Zug D 283 ums Leben.