16.10.2020

Hausgeschichten

Die Feierhalle mit Hanglage

Vor 50 Jahren wurde das markanteste Gebäude des Waldfriedhofs fertiggestellt
Umgeben von Bäumen und einer Wiese: Die Feierhalle ist eingebettet in viel Grün.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: die Feierhalle am Waldfriedhof.

Es war schwieriges Gelände, auf dem Ende der 1960er Jahre der „Hauptfriedhof Schwerin-Haselholz“ angelegt wurde. Nicht nur dass im Haselholz tausende Bäume gefällt werden mussten, auch der Baugrund stellte Planer und ausführende Betriebe vor Komplikationen. So war es erforderlich, die vorhandene Torfschicht durch Sand und Kies zu ersetzen – dies vor allem für den Bau einer neuen Umgehungsstraße an dem Areal. Auf dem eigentlichen Baugelände hatte man es mit wechselnden Sand-, Lehm- und Schluffschichten zu tun. Ansons­ten musste vor allem entwässert werden (Grundwasser ab etwa vier Metern Tiefe). Und hinzu kam die ungünstige Lage an einem steilen Hang, weswegen für die Feierhalle eine Stützmauer erforderlich wurde.

Die Architektin Eva-Maria Hetzer schrieb im Dezember 1966 über ihre Pläne zur Feierhalle, wie sie die Bedingungen zu nutzen wusste: „Der vorhandenen sehr ansteigenden Geländestruktur entgegenkommend, wird dieses Projekt 2-geschossig ausgeführt. (…) Der kommende, teilnehmende Andachtsbesucher wird im freien Raum des Untergeschosses der Feierhalle aufgefangen. Der Erdgeschossbereich der Feierhalle schiebt sich schützend mit dem Westgiebel zum Teil über diesen Bereich. Über eine flach ansteigenden Treppe hebt sich der Weg in das Erdgeschoss der Feierhalle.“
(Hetzer arbeitete beim Betrieb Hochbauprojektierung, wo sie sich im Wesentlichen mit Plattenbauten befasste. Aber auch das „Hotel Stadt Schwerin“, heute „Intercity-Hotel“, wurde von ihr entworfen.)

Es gab noch zwei weitere Entwurfs­varianten für die Feierhalle, die Hetzer und ihre Mitarbeiter von der Brigade 333 erarbeitet hatten. Der Rat der Stadt genehmigte letztlich Anfang November 1966 die Version mit angeschlossenem Krematorium. Das Untergeschoss wurde als Monolith aus Beton ausgeführt, nach außen mit schlichtem Waschbeton und Grobkies abgeschlossen, während sich die Erdgeschoss-Außenflächen mit Klinker zieren. Der eigentliche Blickfang ist jedoch die Seite mit den schräg angesetzten Fenstern.

Dr. Jörg Kirchner vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege MV schreibt in einem Artikel über die Feierhalle als „Denkmal des Monats Januar 2020“: „Der ankommende Besucher erlebt plastisch hervortretende Quader aus geschaltem, grobkörnigem Sichtbeton vor einer Fassade aus wuchtigen, schräg gesetzten Pfeilerscheiben mit einer abstrakt anmutenden Ausfachung durch quadratische Fenster und einer Rahmung aus Backsteinflächen.“ Dieser Teil des Gebäudes, die Südseite, besteht nach Hetzers Angaben im Wesentlichen aus „Wabenbetonfertigteilen mit Kunststeinvorsatz“.

Die sich an das Gebäude anschließende Freifläche wurde wie auch im Großen und Ganzen der Friedhof selbst vom Landschaftsarchitekten Gerhard Apelt entworfen. Er ließ die Trauernden nach dem Verlassen der Halle in eine Ruhe ausstrahlende, sich an den Hang schmiegende baumbesetzte Wiese schauen.

Als Blickfang stand dort zunächst auch eine Skulptur aus Bronze, ein nackter schreitender Mann etwa in Lebensgröße. Jedoch musste das Kunstwerk von Wieland Förster schon nach wenigen Wochen demontiert werden, weil es dem SED-Bezirks-Chef Bernhard Quandt nicht passte. Wenigstens wurde die Plastik vor dem Einschmelzen gerettet. Heute steht sie in Güstrow.

Die Feierhalle umfasst gut 450 Quadratmeter und ist etwa 11 Meter hoch. Investiert wurde allein für dieses Gebäude über eine Million Mark; der Friedhof insgesamt war ungefähr zehnmal so teuer. Im August 1969 fand das Richtfest statt, und nicht mal ein Jahr später, Ende Mai 1970, wurde die Feierhalle offiziell übergeben. Ebenfalls 1970 kam ein Anbau hinzu – ein Betriebsgebäude unter anderem mit Büros für die Friedhofsmitarbeiter.
Die Feierhalle steht seit 2016 unter Denkmalschutz.

Ab Ende 1970 wurden in unserer Stadt zunächst nur noch auf dem „Hauptfriedhof Schwerin-Haselholz“ (der nur noch „Waldfriedhof“ genannt wird) neue Grabstellen angeboten. Seit 1997 wird aber auf dem Alten Friedhof ebenfalls wieder bestattet. S. Krieg