Hausgeschichten

Das legendäre „Residenz-Café“

In dem Haus Am Markt 7 wurde einst gespeist, getrunken und getanzt
Das Gebäude Am Markt 7 Ende Mai 2019
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Haus Am Markt 7.

Während für die meisten Resi ein Frauenkosename ist, verbinden viele Schweriner damit in erster Linie das Café am Markt, das dort bis kurz nach der Wende existierte. „Resi“ steht kurz für „Residenz-Café“. So nannte der Wirt Erich Weist seine Zweigstelle am Markt; er betrieb bereits seit 1913 in der Wladimirstraße (heute Buschstraße) ein Café.

Weist war jedoch nicht der Erste, der sich in dem Mitte der 1860er Jahre gebauten Wohn- und Geschäftshaus als Wirt versuchte: Ab Anfang der 1870er Jahre war die Gaststätte an der Südseite des Marktes als „Holtermannsches Weinlokal“ bekannt. Hier gründeten übrigens am 14. Juni 1874 elf Männer den Ruderverein Schwerin, einen der beiden Vorläufer der Schweriner Rudergesellschaft.
Gerudert wurde auf dem Markt nicht, Wasser gab es dank eines Brunnens trotzdem. Die Qualität des kühlen Nasses wurde 1875 im Bericht „Die öffentlichen Brunnen der Stadt Schwerin“ als „schlecht“ bewertet, aber immerhin nicht als „unbrauchbar“, wie es bei einigen anderen Brunnen der Stadt damals der Fall war.

Zurück zum Lokal. Das übernahm im Jahr 1890 August Jörg (dessen Sohn wiederum ab 1919 die „Stadthallen“ führte). Von einer besonderen Veranstaltung dort irgendwann im Jahr 1897 berichtet Hermann
Milenz in seinem „Schweriner Zeitgeschehen“: „Im Restaurant Jörg wurde als Neuheit Edisons Photograph (Sprachmaschine) vorgeführt.“
„A. Jörg‘s Restaurant“, wie die Gaststätte schlicht betitelt war, existierte 14 Jahre lang. Hans-Joachim Falk erwähnt in „Schwerin. Hotellerie … Gastronomie. Geschichte … Geschichten“ zumindest, dass das Lokal im Herbst 1904 nach dem Tod des Besitzers verpachtet worden sei. Der Pächter schien besondere Pläne mit dem Lokal zu haben; er dachte international. Milenz schreibt jedenfalls: „Am Markt 7 wurde am 18. März [1911 – d. A.] abends 11 Uhr eine American-Bar eröffnet, die in einer Mittelstadt wie Schwerin sich natürlich nicht halten konnte.“

Anfang der 1920er Jahre folgte dann also Erich Weist. Er warb für sein „Residenz-Café“ unter anderem mit „erstklassigen Künstler-Konzerten“ und „aufmerksamer Bedienung“.
Für gastronomische Zwecke genutzt wurde nicht nur das Erdgeschoss, sondern auch die erste Etage – und das ab Mitte der 30er Jahre zudem im Nachbarhaus (Am Markt 6), das 1865 der Kolonialwarenhändler Johann-August Wettering errichten ließ.

Von Dezember 1937 bis April 1938 wurde das Café umgestaltet. Die erste Etage verfügte anschließend über einen Gastraum mit 200 Plätzen. Außerdem bekam das Haus einen längeren Balkon. Nach dem Krieg wurde Weist enteignet und im November 1948 das „Residenz-Café“ als erste HO-Gaststätte in Mecklenburg wiedereröffnet. Bei den Schwerinern hielt sich der Name „Resi“, obgleich die DDR-Handelsorganisation (HO) das in Volks­eigentum überführte Lokal in „Café am Markt“ umbenannte.

Im Jahr 1965 wurde die beliebte Gaststätte wieder umgebaut. Nach der Neueröffnung im Dezember 1965 befand sich der Haupteingang an der Außenecke des Hauses Am Markt 6, die Garderobe war entsprechend verlegt, und in der früheren Garderobe befand sich eine kleine Bar, eine größere mit 80 Plätzen wiederum in der ersten Etage; das Tanzcafé (155 Plätze) blieb im Parterre. 1984 wurde das „Resi“ modernisiert, wobei es schon wieder einen neuen Eingang erhielt.
Die Wende hat das legendäre Tanz­lokal nicht überstanden. In dem eins­tigen „Café am Markt“ eröffnete zunächst ein Textilgeschäft. Wenig später erhielten Erich Weists Erben ihren früheren Besitz zurück. Sie verkauften die Immobilie an die Bank für Gemeinschaft. Mittlerweile steht das Haus leer.

Vor dem Haus plätscherte ab 1911 der Brunnen „Rettung aus Seenot“, bis er 1927 an seinen jetzigen Standort auf dem Grunthalplatz versetzt wurde. Seit Juni 2007 steht dort wieder ein Brunnen, wenn auch ein erheblich kleinerer. Bereits Ende 1998 ließ die Stadt im Zuge der Neupflasterung des Marktes vor den drei südlichen Häusern Linden pflanzen, was vielen Schwerinern missfiel – vor allem, weil an dieser Stelle zuvor nie Bäume standen und sie damit historisch gesehen dort nicht hingehören. S. Krieg