Hausgeschichten

„Dankbare Erinnerung gewiß“

Am Jägerweg 2 befand sich früher das Haus der Stiftung „Uhle‘sches Frauenheim“
Das Haus im Jägerweg 2 ist heute Sitz der Landeszentrale für politische Bildung.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Haus
Jägerweg 2.

„Eine dankbare Erinnerung ist ihnen gewiß“, schrieb die „Mecklenburger Zeitung“ in ihrer Ausgabe vom 14. Dezember 1919 über das Ehepaar Louise Sophie Friderike Uhle und Johann Heinrich Gottlieb Uhle. „Uhle?“, werden jetzt viele Leser sagen, „Uhle? Ist das nicht der Weinhändler, nach dem auch eine Gaststätte in Schwerin benannt wurde?“ Genau, um den handelt es sich. Jedoch sollte dem Geheimen Kommerzienrat, so sein Ehrentitel, hier nicht für seinen Beitrag zur Trinkkultur gedankt werden.

Vielmehr ging es um die Stiftung „Uhle‘sches Frauenheim“, deren Gründung aber wiederum von Johanns Frau Louise in ihrem Testament verfügt wurde; er selbst war da längst verstorben. In dem Dokument vom 12. Januar 1917 schreibt sie: „Zweck der Stiftung ist, gebildeten Frauen und Mädchen ein Heim in meinem am Jägerweg 2 No. 2 (3009) zu Schwerin i/M. belegenen Grundstücke (bisher Büdnerei No.10 zu Ostorf) zu gewähren … Zum ers­ten Vorstand ernenne ich die Herren Jus­tizrat Felix Löwenthal und Minis­terialsekretär Dr. Carl Beutin zu Schwerin. Dieselben ernennen das dritte Mitglied.“ Der dritte Mann im Bunde wurde der Schweriner Bürger­meis­ter Joachim Saschenbrecker.

Am 8. Juni 1919 starb Louise Uhle. Kurz darauf wurde tatsächlich die Stiftung „Uhle‘sches Frauenheim“ ins Leben gerufen. In ihrem Testament legte sie fest: „Bei der Auswahl der aufzunehmenden Personen sind in erster Linie Personen aus meines Mannes und meinem Verwandten- und Freundeskreise, speziell Frau Clara Drude und deren Tochter, sodann Töchter von Kaufleuten und Frauen oder Mädchen, welche selbst im kaufmännischen Berufe gestanden haben oder noch stehen, zu berücksichtigen, speziell die Buchhalterin Fräulein Johanna Lüth in Schwerin, wenn sie den Wunsch haben sollten.“ Und sie wünschte sich, dass Clara Drude zur Heimverwalterin bestellt wird. Der Passus mit der Auswahl der Personen wurde nahezu wortwörtlich in die Stiftungssatzung übernommen.

Ins Stiftungsvermögen gingen die Immobilie, eine Menge Geld, jedoch bis auf das Klavier kein Mobiliar über. Nicht mal der Wein und die Spirituosen, die ihr Mann hinterlassen hatte. All dies, Schränke und Getränke, ließ Louise Uhle unter diversen Leuten aufteilen – vom Dienstmädchen Minna Peters bis hin zum Sanitätstrath Meyersohn. Kinder hatte das Paar nicht.

Die Villa, in der sich später das „Frauenheim“ befand, wurde 1904 vom Maurermeister Carl Frese für das Ehepaar Uhle gebaut. Bereits 1890 hatten die beiden an der Stelle die Büdnerei 10 erworben und wohnten auch dort. Damals war Ostorf ein Vorort von Schwerin, der etwas, aber nicht zu weit abseits der Residenzstadt einige Annehmlichkeiten bot (vor allem Platz für Villen), heute würde man vielleicht sagen, die Uhles wohnten im Speckgürtel. Erst im Jahr 1888 wurde begonnen, das Gelände zwischen Jägerhof (untere Johannes-Stelling-Straße, heute Sitz des Stadt­archivs) und Artillerie­kaserne (heute Fi­nanz­amt) zu planieren, um dort Häuser errichten zu können.

Zwölf Jahre später waren Lutherstraße, Regentenstraße (heute Lischstraße) und Slüterufer bereits bebaut; parallel und unabhängig davon entstanden nach und nach die Villen am Jägerweg (diesen Namen erhielt die Straße im September 1900). Ein Bebauungsplan von 1901 weist am Jägerweg und an einem Teil der heutigen  Burgseestraße allerdings noch die Büdnereien aus.
In dieser kleinen Villengegend, die 1912 in die Stadt Schwerin eingemeindet wurde, befand sich also jahrzehntelang auch das „Uhle‘sche Frauenheim“. Das Stiftungsvermögen betrug im April 1944 genau 117.243,09 Reichsmark.

Mitte Juli 1945 ließen die sowjetischen Truppen das gesamte Viertel räumen, um es für ihre Zwecke zu nutzen, und der Jägerweg wurde für die hiesige Bevölkerung gesperrt. Die letzten sechs Bewohnerinnen des Heims fanden als Untermieterinnen bei diversen Wohnungsinhabern ein neues Zuhause, meist aber gleich in der Nähe. Als eine seiner letzten Amtshandlungen ersuchte der Stiftungsvorstand im April 1946 Oberbürgermeister Chris­toph Seitz um eine Mietbeihilfe von zehn Mark monatlich rückwirkend ab 1. Januar 1946 für jede der sechs Frauen.

Auch wenn die Stiftung erst Mitte der 1950er Jahre offiziell aufgelöst wurde, musste sie faktisch bereits 1948 ihre Arbeit einstellen. Vorstandsmitglieder im Oktober 1948 waren Erich Janzen und der Konsul Bühring-Uhle.
Zu dieser Zeit hatte das Unternehmen „Holzbau Mecklenburg, Vereinigung Volkseigener Betriebe,  Sachsenholz Schwerin/Mecklenburg“ dort seinen Sitz. Außerdem lebte der Hausmeister Otto Neumann mit seiner Frau und zwei Töchtern in der Wohnung über der Garage. Im Jahr 1955, die Familie Neumann war bereits woandershin gezogen, wurde Otto Neumann aufgefordert, das Grundstück zu beräumen, um Platz für die Kinderkrippe zu schaffen; im Nachbarhaus, Jägerweg 3, befand sich viele Jahre ein Kindergarten.

Nach der Wiedervereinigung übernahm das Land Mecklenburg-Vorpommern die Villa, sie wurde saniert, und im November 1995 zog die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) in den Jägerweg 2. Bis 1998 teilte sich die LpB die Räume zunächst mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und von 1998 bis 2012 mit der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. S. Krieg