Hausgeschichten

„Aus nur besten Materialien“

Das Haus in der Dr.-Hans-Wolf-Straße besteht im Wesentlichen aus Stahl
Das Haus heute: Die Stahlplatten sind noch gut zu erkennen.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Diesmal: das Haus in der Dr.-Hans-Wolf-Straße 46.
Ich kanns ja mal versuchen, dachte sich der Kaufmann Friedrich Knochendöppel, und machte gegenüber der Firma Braune & Roth Ärger mit Rost an den Wänden seines Stahlhauses geltend. Das war im Herbst 1928, ungefähr ein Jahr, nachdem er dort eingezogen war.

Bei dem Leipziger Unternehmen ahnte man bereits den nächsten Schritt des Mannes, nämlich, dass er bei Amte vorstellig würde, um dort über fortgeschrittene Rosterei in der heimatlichen Hütte zu klagen. So schrieben Braune & Roth an das Stadtbauamt Schwerin, sie könnten sich „die Art und Weise des Herrn Knochendöppel, wie er sich mit Ihnen in Verbindung setzen wird, nur zu gut vorstellen“. Aber vor allem beschuldigten sie den Mann einer unlauteren Methode, Geld zurückzuhalten: „Unserer Vermutung nach wird Ihnen Herr Knochendöppel ein abfälliges Urteil gegeben haben, da Herr Knochendöppel in keiner Weise sachlich bleiben kann und auf Mahnbriefe unsererseits jetzt mit Reklamationen kommt.“

Malermeister Schmidt und Architekt Preller hätten bei einem Ortstermin schon äußerst genau hinsehen müssen, um die von Knochendöppel beanstandeten Korrosionsstellen überhaupt zu finden. Preller entdeckte immerhin Pünktchen „mitunter so groß wie ein Stecknadelkopf“.

Braune & Roth hatten unter anderem Tresore, Stahltüren, Regale und Gitter gebaut, bis sie auf die Idee zu dem Fertigteilhaus aus Stahl kamen. Stolz listete die 1888 gegründete Firma in einem Prospekt eine Reihe an Auszeichnungen auf, die sie für ihre Häuser erhalten hatten, begonnen 1897  in Leipzig mit dem Ehrenpreis der  Handwerkskammer.

Im Programm hatten Braune & Roth drei Standardhäuser, die nach Firmenangaben in nur sechs bis acht Wochen Montagezeit bezugsfertig sein sollten. Knochendöppel entschied sich für das Einstiegsmodell Typ „Sonne“ (die anderen beiden Varianten hießen „Mars“ und „Saturn“): zwei Etagen plus Keller, Grundfläche 6,55 mal 8,35 Meter, alles in allem zehn Räume – Klo, Küche, Kohlenkeller schon mitgezählt.
Komplett aus Stahl bestanden die Leipziger Patentmodelle allerdings nicht. Die Gebäude wären dann zwar gut schusssicher gewesen, jedoch hätte ein Nagel innen ähnliche Schwierigkeiten wie ein Projektil außen gehabt, in die Wand einzudringen.

Auf einem gemauerten Fundament saß ein Raster aus Eisenstreben und -trägern, ringsum wurden genormte Stahlplatten angebracht – nach einem patentierten Verfahren, ohne zu nieten und zu schrauben, wie die Firma betont. Die Platten erhielten zuvor einen doppelten Rostschutzanstrich von beiden Seiten sowie die nötigen Aussparungen für Fenster und Türen.
Die Wände wurden nach innen durch mehrere Schichten gut gedämmt; die somit zwanzig Zentimeter Dicke führten zu einer Wärmeleitzahl, die sonst nur ein Meter dicke Ziegelmauern schafften.

Außer mit Stahl arbeitete man in ers­ter Linie mit Holz und Ziegeln. In Schwerin unterstützt wurde die Stahlbaufirma, die sich später in Deutsche Stahlhausbau-Gesellschaft Leipzig umfirmierte, vom hiesigen „Büro für Architektur und Bauausführungen Preller & Borchert“, das sich um diese nicht so stählernen Bestandteile des Hauses kümmerte.
Ein Viertel billiger als ein Stein- oder Holzhaus derselben Größe sollten diese Häuser sein, mindestens. Damit warben Braune & Roth neben der kurzen Bauzeit. Das war was für Friedrich Knochendöppel, der als Kaufmann gut rechnen konnte.

Als sein neues Domizil Mitte 1927 fertig war, lobte er in dem Düsseldorfer Magazin „Stahlhaus-Korrespondenz“ als zufriedener Kunde: „Die Bauausführung ist solide und sachgemäß aus nur besten Materialien, wie vereinbart war.“ Außerdem freute er sich unter anderem über die gelungene Wandisolierung, die hervorragende Schallsicherheit und die reibungslose Montage auch bei schlechtem Wetter. Wenn da nur nicht ein Jahr später die fiesen kleinen Rostfleckchen aus der Wand gestecknadelt wären.

Der Kaufmann legte bereits im Mai 1928, noch vor der Rost-Finanz-Affäre, der Baupolizei eine Detailskizze für den Anbau einer Gaststätte vor. Aus dem Lokal wurde aber nichts. Dafür meldete sich im August 1930 die Stadtbank Leipzig beim Stadtbauamt Schwerin wegen ihrer Ansprüche aus drei Hypotheken auf das Haus in der Straße Am Ziegelsee 46 (erst seit 1965 Dr.-Hans-Wolf-Straße 46). Kurz darauf wurde das Stahlhaus an den Obersteuerinspektor Peter Lassen verkauft. Ab 1939 gehörte es einem gewissen Ernst Heller.

Mit der Gründung der DDR ging das Einfamilienhaus in Volkseigentum über und wurde in den neunziger Jahren von der Stadt verkauft. Der nächs­te Besitzer sanierte Anfang der 2000er Jahre den stählernen Bau, riss alte Anbauten ab und baute neu und optisch ansprechender an. Der Anbau dient jedoch Wohnzwecken und nicht der Gastronomie.

Dass das Stahlhaus am Ziegelsee das einzige seiner Art in Schwerin ist, mag daran liegen, dass die damalige Regierung diese Konstruktion nicht sonderlich goutierte. Es werde „davon Abstand genommen, die Stahlbauweise allgemein im Bereiche des Freistaates Mecklenburg-Schwerin zuzulassen“, schrieben das Finanz- und das Innenministerium im Februar 1927. Einzelfälle seien aber in Ordnung, sofern die jeweils lokalen Behörden zustimmten, hieß es. Dem Kaufmann Friedrich Knochendöppel wurde dieses Privileg zugestanden. Und das hatte er dann davon: Rost statt Res­taurant. S. Krieg