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Am grünen Rand der Stadt

In der Lutherstraße entstanden Ende des 19. Jahrhunderts repräsentative Villen
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in der Lutherstraße 16, wo alte Stadtvillen vom Wachstum Schwerins erzählen.

Im Februar ist es genau 66 Jahre her, dass Hanns-Carl Wille in die Lutherstraße 16 zog. „Ich bin inzwischen wohl derjenige, der am längsten in dieser Straße lebt“, ist der 83-Jährige überzeugt. Und man lebt hier sehr gut: In großen hellen Wohnungen mitten in der Stadt und doch im Grünen. Nur kurz hat Hanns-Carl Wille deshalb vor einigen Jahren mit dem Gedanken gespielt, es einigen Nachbarn gleichzutun und in einem Haus für altersgerechtes Wohnen etwas Neues zu mieten. „Dann sagte ich mir: Das ist mein Viertel, hier will ich bleiben“, erzählt er. In der Wohnung hat er mit seinen Eltern und Geschwistern gewohnt, hier sind seine  eigenen Kinder aufgewachsen.
An die ersten Jahre in der Lutherstraße kann sich Hanns-Carl Wille noch gut erinnern. „Nach dem Krieg waren zuerst die Engländer in Schwerin. Aber es war ja schon klar, dass alles an die Russen übergeben wird. Und als die Engländer abzogen, folgten ihnen bereits viele Hausbesitzer aus dieser Straße“, weiß Wille. In die Villen wurden Angehörige der Roten Armee einquartiert. Als diese die Gebäude 1947 wieder verließen, bekamen Willes Eltern als kinderreiche Familie die Wohnung in der Nummer 16 zugewiesen. „Aber da sah es aus“, blickt Hanns-Carl Wille zurück. Im heutigen Wohnzimmer türmten sich Möbel bis zur Decke, auf dem Balkon lagerten Transparente. In einigen Fenstern fehlte das Glas und wer auf die Toilette musste, ging zum Bretterhäuschen hinten auf dem Hof. Die große Flügeltür zwischen den Zimmern zur Straßenseite war vermutlich in einem kalten Winter verheizt worden. Und im Februar 1947 stand der Keller bis zur Treppe unter Wasser. „Dann fror es und ich habe mit den anderen Bengels aus dem Haus Eis geklopft und eimerweise rausgetragen“, erinnert sich Hanns-Carl Wille. Auch draußen herrschte ein völlig anderes Bild. „Die Chaussee war noch nicht ausgebaut und so mancher Hauseigentümer hatte noch einen Steg am Wasser“, erinnert sich Wille.
Die wunderbare Lage des Gebiets gleich am Ostorfer See hatte es Ende des 19. Jahrhunderts vielen gutbetuchten Schwerinern angetan. Zu diesem Zeitpunkt wuchs in der bürgerlichen Mittelschicht das Bedürfnis, an den Stadtrand zu ziehen und den beengten Wohnverhältnissen im Zentrum den Rücken zu kehren. Wer es sich leisten konnte, kaufte sich ein Häuschen im Grünen. Die Gemeinde Ostorf vor den Toren der Residenzstadt war ein beliebtes Ziel: Ende des 19. Jahrhunderts entstanden hier rund 50 Stadtvillen mit geschmückten Schaufassaden, Erkern und Balkonen. Noch heute ist dieses Straßenbild in der Lutherstraße erhalten und erzählt vom beschaulichen Leben am Rand der Stadt. Anders in der benachbarten Lischstraße: Hier wurden die Villen in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts abgerissen und durch Plattenbauten ersetzt.
Auch daran kann sich Hanns-Carl Wille gut erinnern. „Ich stand damals auf meinem Balkon und habe zugesehen, wie die Häuser gesprengt wurden“, erzählt er. Die Gebäude seien sehr marode gewesen. Und auch das Haus, in dem Willes wohnten, war baulich nicht im besten Zustand. „Anfang der 70er-Jahre hieß es plötzlich, wir dürften die Balkone nicht mehr betreten, weil sie baufällig wären“, erinnert er sich. Zuerst sollten die Freisitze sogar abgerissen werden. Aber Hanns-Carl Wille kannte den Chef vom Holzhandel und darüber hinaus noch einige andere Handwerker – und rührte selbst die Rettung der Balkone ein.
Darüber ist der heutige Hausbesitzer froh. Er ist bestrebt, die historischen Details des Gebäudes zu erhalten – vom gedrechselten Treppengeländer bis zur lateinischen Inschrift „In trinitate robur“ im Treppenhaus.  Das heißt so viel wie „In der Dreieinigkeit liegt die Kraft“ und war Wahlspruch Otto von Bismarcks. Unter alten Bodenbelägen und Deckenplatten ist schon jetzt viel Schönes wieder ans Tageslicht gekommen – wie zum Beispiel die alten Pitchpine-Dielen und der Deckenstuck.
Erhalten geblieben ist auch ein schwerer Bücherschrank. „Er stand inmitten des Gerümpels, das sich bei unserem Einzug in der Wohnung befand und wir haben ihn behalten“, erzählt Hanns-Carl Wille. Nun hat er seit 66 Jahren im Erkerzimmer seinen Platz.