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MUSIK IM ÜBERFLUSS

Der Schwerinerin Christel Burr wandert 2476 Melodien durch den Kopf
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Ist Christel Burr eine Fee? Sie kitzelt Leben wach, wo es sich schon fast verabschiedet hat. Als sie noch im Altenheim arbeitete, hat sie diese Kraft an sich entdeckt. Immer, wenn Musik vom Plattenspieler dudelte, schliefen die Bewohner ein oder verfielen in eine Art Starre. Griff Christel Burr dann zur Gitarre, um ein Liedchen zu spielen, waren sie augenblicklich wieder hell wach.
Inzwischen ist sie selber in die Jahre gekommen. Doch von ihrem Temperament und ihrer stolzen Erscheinung hat sie nichts eingebüßt. Nach wie vor greift sie zur Gitarre - einer recht eigenwilligen Konstruktion. „Das ist eine Gitarola“, erzählt die Schwerinerin, die nie Noten gelernt hat. „Die habe ich 1959 in der Stadt bei Alten und Claussen gekauft. Statt die Seiten zu greifen, drücke ich auf Tasten. Leider gibt es die Firma, die diese Technik entwickelt hat, heute nicht mehr. Sie verschwand schon zu DDR-Zeit, weil sie sich nicht verstaatlichen lassen wollte.“
Doch die Gitarre soll nicht von Christel Burr ablenken. Diese Frau ist ein Unikat. Sie hat 2476 Lieder ins Leben gesummt. In jedem erdenklichen Augenblick erwachten Melodien in ihrem Kopf – sobald sie einen Regentropfen hörte, ein Feuer knisterte oder Blätter raschelten. Sie erinnert sich: „Als ich früher noch in einem großen Betrieb arbeitete, bin ich morgens schnell am Pförtner vorbei gehuscht, um meine Melodie mit einem Lalala auf Kassette zu singen, damit ich sie nicht vergesse. Erst danach habe ich mich zur Arbeit gemeldet.“ Als sie Brigitte Alfini kennen lernt, werden ihre Melodien endlich in Worte gegossen. „Lebe wohl, Amigo“, „Du bist ein Clown im Rampenlicht“ „An der Mole im Hafen“ heißen die Songs, die sie in den 1990er- Jahren gemeinsam überall in Mecklenburg vortragen. Es ist ein bunter Mix aus Frühlings-, Sommer-, Heimat-, Seemanns-, Liebes- und Kinderliedern, mit denen sie den Menschen ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Sicher tummeln sich auch ein paar traurige Titel darunter. Aber Christel Burr wollte sich keine melancholischen Melodien ausdenken, auch wenn sie sich in ihrem harten Leben immer wieder versuchten, auf die Lippen zu schleichen. Zur Welt kam die Mecklenburgerin im Jahr 1933. Sie wächst in Toddin (Kreis Ludwigslust) mit sechs Geschwistern auf. Ihre Eltern waren arme Leute. Als 1943 die kinderlose Tante und der Onkel aus Dresden die Familie besuchen, sind sie von der zehnjährigen Christel so angetan, dass sie die Eltern überreden, sie zu ihnen nach Dresden zu schicken, damit sie eine gute Ausbildung erhält. „Alle dachten, Dresden als Kulturhauptstadt passiert schon nichts“, weiß Christel Burr noch heute. „Ein Jahr später war es so weit. Mein Vater hat Rotz und Wasser geheult.“ Das junge Mädchen erwartet indes Angst und Schrecken. Der Bombenangriff auf Dresden, die Flucht, bei der die Tante angeschossen wird. Sie ist heilfroh, als ihre Eltern sie zurück nach Mecklenburg holen. Hier macht sie eine Lehre als Verwaltungsangestellte, später als Industriekauffrau. Anfangs glaubt Christel Burr an den Sozialismus. Sie will ihn mit aufbauen. Doch der Alltag lehrt sie eines Besseren. Als sie Ende der 1950er- Jahre beim Rat der Stadt arbeitet, erlebt sie so viel Ungerechtes, dass sie sich nach einem anderen Job umschaut. Auch im Privatleben hat sie kein Glück. Die Melodien und ihre Kinder sind ihr oft der einzige Lebensanker.
Heute lebt Christel Burr zufrieden mit vielen netten Nachbarn in einem Plattenbau im Mueßer Holz. Und was wird aus ihren 2476 Musikstücken? „Ist längst geregelt“, verkündet sie schmunzelnd. Die Nutzungsrechte für ihr Lebenswerk mit samt den Texten der kürzlich verstorbenen Brigitte Alfini habe sie im April in die Hände des Schweriner Vereins „Hand in Hand“ gelegt. Das wirkt beruhigend auf sie. „Brigitte Alfini hat immer gesagt, es werde nirgendwo so viel geklaut wie in der Schlagerbranche.“ Der Verein will ihr Vermächtnis wahren und ihre 71 Musikkassetten, auf denen ihre Lieder und Melodien schlummern, digitalisieren, damit sie nicht verloren gehen. Und wer weiß, vielleicht wird schon bald in den Nachbarschaftstreffs, die vielen älteren Menschen wie ein zweites Wohnzimmer sind, die Stimme von Christel Burr aus den Boxen zu hören sein. Noch zieht sie es vor, live aufzutreten. Das haben die Fans, von denen sie eine ganze Menge hat, am liebsten.