12.05.2026

Hausgeschichten

Zur Therapie auf den Sachsenberg

Neue Anstalt im Geist des Humanismus: Dr. Flemming verbesserte Versorgung psychisch Kranker
Zwischen 1825 und 1830 entstand das Hauptgebäude nach Entwürfen von Carl Heinrich Wünsch.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik, die bei ihrer Gründung zu den modernsten Anstalten dieser Art gehörte.

1834 schuf der Lithograph August Achilles eine Ansicht von ­Schwerin. Schloss, Schelfkirche und der noch turmlose Dom sind darauf zu sehen. Als vierte Landmarke unterbricht jenseits der Stadtgrenzen ein einzelnes Gebäude die Horizont-
linie. Es ist das Haupthaus der „Irren-Heil-Anstalt Sachsenberg“, das erst wenige Jahre vor der Entstehung der Lithographie gebaut worden war.

Diese Einrichtung war etwas ganz Besonderes. Klingt der Begriff „Irrenhaus“ nach heutigem Verständnis abwertend und despektierlich, beschrieb er in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mecklenburg eine wahre Revolution bei der Versorgung von Menschen mit ­geistiger Behinderung und psychischen Erkrankungen. Bis dahin hatte man diese nämlich kurzerhand zur Verwahrung auf der ­Festung Dömitz ins „Tollhaus“ gesteckt – wo Häftlinge des benachbarten Zuchthauses die Wehrlosen nicht selten misshandelten und quälten. 

Dann kam Carl Friedrich Flemming, ein gerade 24 Jahre alter Psychiater. Er hatte in der Irrenheilanstalt auf dem Sonnenstein bei Pirna das moderne Anstaltswesen kennen gelernt und brachte dieses Wissen nach Schwerin. Im Vorwort eines Büchleins, in dem Flemming die Anfänge auf dem Sachsenberg beschreibt, findet er warme Worte für Großherzog Friedrich Franz I. Während die Landstände nämlich den Plan für das Irrenhaus der Landesregierung überließen und er schon befürchtete, dass die Zeit mit „der Ausarbeitung von Maßregeln“ verginge, habe der „hochherzige und menschenfreundliche Fürst“ eine neue Domanial-Stiftung beschlossen. Ein Grundstück in Groß-Medewege war bald gefunden, das 1825 Baustelle wurde. Der in alten Flurkarten eingetragene Name „Sachsenberg“ wurde auf die Anstalt übertragen.

Das Hauptgebäude entwarf der Oberbaurat Carl Heinrich Wünsch. Es bestand aus einem mittleren dreistöckigen Teil, an den sich zu beiden Seiten zweistöckige Flügel anschlossen. Deren Enden wurden durch wiederum drei Stock hohe Pavillons geschlossen. Der eine bildete die „weibliche“, der andere die „männliche“ Kranken-Abteilung. Der mittlere Teil enthielt die Wohnungen der oberen Beamten, des Arztes und des Hausgeistlichen. Im Souterrain befanden sich neben einer „wohl-eingerichteten“ Küche auch verschiedene Vorratskammern und eine Brauerei. 
Flemming beschreibt, wie die Gebäudeflügel durch verschließbare Türen mit dem Mitteltrakt verbunden waren und wie „ruhige und unruhige“ Kranke getrennt vonein­ander versorgt werden konnten. Lattengitter teilten die Flügel zu diesem Zweck in verschiedene Abteilungen. Die Fenster der Krankenzimmer waren in solcher Höhe angebracht, dass sie vom Fußboden aus nicht zu erreichen waren. Sie konnten mittels eines Seilzugs an der Decke vom Korridor aus geöffnet werden. Überhaupt enthielt ein Zimmer nichts, womit sich ein Kranker schaden konnte. Der Wärter blickte durch eine Öffnung in der Tür in den Raum; hier wurde abends auch eine Lampe hineingesetzt. Und längst waren nicht alle gleich: Unterschiede bestanden zwischen den „Verpflegten höherer Stände“ in der oberen Etage und denen „niederer Stände“ darunter. Oben stand feineres Mobiliar, zu dem auch Spiegel und Kommode gehörten. Zwar gab es auch hier Eisengitter vor den Fenstern, die aber dezent ins Holz eingelassen waren.

Kurz, das 1830 eingeweihte Haus war das Musterbeispiel eines humanistischen Krankenhauses, in dem neue Wege in der Therapie beschritten werden konnten. Erweiterungen in weiteren Bauabschnitten bis 1913 passten den Klinikkomplex neuen Bedürfnissen an.
Wer heute die Geschichte der Heilanstalt auf dem Sachsenberg googelt, findet diese Aufbruchszeit verdunkelt von der Epoche des Nationalsozialismus. Damals wurden aus ganz Mecklenburg Männer, Frauen und Kinder in die Anstalt gebracht und dort ermordet. Mindestens 1900 von ihnen fielen der NS-Einordnung als „lebensunwert“ zum Opfer. Eine Plastik der Künstlerin Dörte Michaelis erinnert heute auf dem Sachsenberg an diese Menschen und deren Leid.
An den Wunsch Dr. Flemmings nach einer für die Behandlung der Kranken „ersprießlichen Erkenntnis“ im Sinne einer bestmöglichen Therapie knüpfen heute die Helios Kliniken an, zu denen die einstige Heilanstalt Sachsenberg als Carl-Friedrich-Flemming-Klinik gehört. Den Namen ihres Gründungsdirektors trägt die Einrichtung seit 1998.

Katja Haescher