Hausgeschichten
Kupferhülle fürs kulturelle Erbe

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute im neuen Depotgebäude in der Stellingstraße, dessen Kupferhülle wahre Schätze umschließt.
Sesam, öffne dich. Mit diesem Satz gelangt Ali Baba im Märchen in die Schatzkammer und mit eben diesem Satz öffneten sich zur Schlüsselübergabe die Schleusentore des neuen Depots in der Stellingstraße. Dahinter auf den ersten Blick kein Gold und kein Silber, auf den zweiten aber nicht weniger als die kulturelle Identität des Landes. Mit dem modernen Multifunktionsgebäude gelingt es, das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege mit Archiv und Landesarchäologie und die Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen MV mit ihren Beständen an einem Ort zu vereinen.
Also doch eine Schatzkammer: eine, in der Kunsthandwerk, Kupferstiche und Gemälde, Münzen und Waffen, Fotografien, Textilien und archäologische Fundstücke gelagert werden und in der auch gleich die wissenschaftliche Aufarbeitung erfolgt. Die Herausforderung dabei: Unterschiedliche Materialien haben unterschiedliche Anforderungen an die Aufbewahrung. Organisches und Anorganisches, Holz, Stein und Knochen, Artefakte und Kunstwerke fachgerecht zu verwahren, gelingt in dem Neubau.
Das Depot bietet dafür 20.000 Quadratmeter Nutzfläche. Diese befinden sich in einem formal schlichten Gebäude, das neben dem Offizierskasino, den Kasernenbauten von Finanzamt und Landesbibliothek und dem Bibliotheksneubau das Karree des einstigen Exerzierplatzes abschließt. Der klar gegliederte Baukörper fügt sich dabei harmonisch-zurückhaltend in den Bestand ein – umso wichtiger, da ein Teil der Bauten zum Residenzensemble und damit zum Welterbe zählt. Der Beweis, dass in einem so sensiblen Bereich Neubauten möglich sind, ist damit erbracht. Und die Kupferfassade des neuen Depots zeigt dann aber doch, dass sich im Innern etwas Besonderes verbirgt.
Um den Schutz des wertvollen Erbes zu gewährleisten, gilt ein strenges Sicherheitskonzept. Nur ein Teil des Depots ist für Nutzer von außerhalb zugänglich, Forscher mit begründetem wissenschaftlichen Interesse können zum Beispiel in so genannten Vorlageräumen an Beständen forschen. Die Werkstatträume, in denen Mitarbeiter Funde restaurieren und erschließen, reihen sich an den Schleusenraum, in dem eintreffende Stücke in Empfang genommen werden. Zur Ausstattung zählen zudem Kühlzellen für besonders empfindliche Objekte, eine Röntgenanlage und ein Lastkran. Neben einer Bündelung der Bestände verbessern sich so die Möglichkeiten für die wissenschaftliche Arbeit – auch interdisziplinär.
Auf der Fläche stehen 91.000 Regalmeter zur Verfügung, aneinandergereiht entspräche dies der Strecke von Schwerin nach Rostock. Darüber hinaus ist das 85 Millionen Euro teure Gebäude nach modernen energetischen Standards errichtet. Fernwärme, moderne Klima- und Lüftungstechnik mit Wärmerückgewinnung, begrünte Dachflächen und eine leistungsstarke Photovoltaikanlage gehören dazu.
Der Umzug läuft seit Oktober 2025 und wird etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen. Wenn sich dann Sammlungen, Fundobjekte, Arbeitsräume und Geräte an einem Ort befinden, wird der Bestand erstmals seit Jahrzehnten wieder in vollem Umfang nutzbar sein.
Katja Haescher




