Hausgeschichten
Sommerfrische am See

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute hinter ein historisches Stück Zippendorf: Mit der Entwicklung des Ortsteils zum beliebten Ausflugsziel entstand hier das Strandhotel.
Einst zierte es in mondäner Schönheit Ansichtskarten. Inzwischen taugen Fotos von hier nicht mehr als Werbung für Schwerin – abgesehen davon, dass Urlaub im Strandhotel in Zippendorf ohnehin nicht möglich ist. Das denkmalgeschützte Haus bröckelt, in den zurückliegenden Jahren wurde mehr diskutiert als saniert. Nun legt ein Gutachten sogar den Abriss des Gebäudes nahe.
Dabei steht das Hotel zusammen mit dem Kurhaus wie kaum ein anderes Gebäude für den Aufstieg Zippendorfs zur Sommerfrische. Als lauschiger Ort war das einstige Kämmereidorf in städtischem Besitz bereits Ende des 18. Jahrhunderts ins Bewusstsein gerückt. 1764 hatte der Schweriner Magistrat hier ein Haus für seine Zusammenkünfte bauen und selbiges gleich noch mit einem Lustgarten versehen lassen. Die Ratsmitglieder nutzten das Gebäude für dienstliche Zwecke und darüber hinaus gleich noch als Wochenendquartier. Es waren die ersten vorsichtigen Anfänge eines Ausflugsverkehrs.
Der nahm dann im 19. Jahrhundert richtig Fahrt auf. 1852 öffnete eine Dampfschifffahrt von der Schlossbrücke nach Zippendorf. 1858 empfing erstmals ein Hotel mit Gasthaus – der Vorgänger des heutigen Strandhotels – seine Gäste, rund 20 Jahre später dann die erste Badeanstalt.
Das alles veränderte den Charakter des Dorfes. Zumindest in Seenähe standen jetzt Villen, Restaurants und Wohnhäuser mit städtischem Aussehen. 1865 ließ der Unternehmer Johannes Bosselmann auf der Hufe IV ein hölzernes Sommertheater mit Namen „Tivoli“ bauen, das Besucher in Scharen lockte. Allerdings war es elf Jahre später bereits pleite.
1910 entstand das heutige Strandhotel, nachdem das 1858 errichtete Vorgängerhaus abgebrannt war. Baupläne im Stadtarchiv zeigen, dass Teile der Ruine in den Neubau einbezogen wurden. Während das Hotel in den ersten Plänen noch als Kurhaus Zippendorf firmierte, setzte sich bald der Name Strandhotel durch, um Verwechslungen mit dem ebenfalls um diese Zeit eröffneten Kurhaus zu vermeiden. Allerdings gab es auf dem Weg zum Urlauber-Hotspot noch einige Stolpersteine. Am 25. Februar 1910 verfügte die Bau-Polizei-Behörde eine Geldstrafe von 50 Mark gegen Maurermeister Franz Nieske, Bankvertreter Hermann Sevecke und Kaufmann Friedrich Carl Borchert wegen Verstoßes gegen Paragraph 367: Sie hätten ohne vorherige behördliche Genehmigung mit dem Bau begonnen. Der Streit in dieser Sache produzierte jede Menge Papier, das die Bauakte dick werden ließ. Sevecke legte Beschwerde beim großherzoglichen Ministerium des Innern ein und am Ende wurde der Strafbefehl zurückgenommen.
Zurück ins Haus, in dem sich die besten Zimmer in der ersten Etage befanden. In der zweiten kamen zu den Gästezimmern die Wohnung des Verwalters und der Trockenboden. Die Zimmer wurden lediglich durch doppelte Bretterwände voneinander abgetrennt. Dennoch: Mit der Lage am See, einer Konzertmuschel neben und einer Kegelbahn hinter dem Haus sowie Restaurant und Weinbar im Erdgeschoss stand dem Genuss nichts mehr im Wege. Viel Schriftverkehr gab es nach der Eröffnung noch zum Thema Abwasser – zum Beispiel mit der Auflage, dass gefälligst auch die Pissoirs an die Fäkalienbehälter anzuschließen seien und nicht einfach in den See abgeleitet werden dürften. Bereits damals wurde die Wasserqualität kontrolliert: Im Juni 1913 musste sich die Betreibergesellschaft wegen im See festgestellter „Kotbakterien“ rechtfertigen.
Mitte der 1920-er Jahre entstand durch aufgeschütteten Sand ein Strand. 1921 war auch die Straßenbahn bis Zippendorf verlängert worden und wer in die Sommerfrische fuhr, tat es in seitlich offenen Wagen, die extra für die Linie angeschafft worden waren. Jedenfalls wurde Zippendorf im Volksmund bald als „Sonntagsnachmittagskaffeekanne“ von Schwerin bezeichnet und daran änderte sich bis in die DDR-Zeiten nichts – außer, dass der Dampfer, der über den See fuhr, nicht mehr „Niclot“ oder „Obotrit“ hieß, sondern „Sowjetfreundschaft“.
Das Strandhotel stand zu diesem Zeitpunkt unter der Verwaltung der HO. Zuvor war es nach dem Zweiten Weltkrieg als Hilfskrankenhaus und Altersheim genutzt worden. Dafür erhielt Besitzer Max Preen, der in einem der Fremdenzimmer wohnte, von der Stadt eine Miete. Im März 1951 übernahm die HO das Haus.
Der Rest in Kürze: Nach der Wende war das Strandhotel weiterhin eine angesagte Adresse. Es gab illustre Gäste und jeden Freitag und Sonnabend ab 21 Uhr Tanzpartys. 2005 wurde hier sogar ein Polizeiruf gedreht. Der Krimi ums Haus dauert an. Seit mehr als 20 Jahren steht es leer.
Katja Haescher




