Hausgeschichten
Zu Grabkapellen und Grüften

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute dort, wo niemand wirklich wohnt: in den Grabkapellen des Alten Friedhofs.
In der Halloween-Industrie sind Grabsteine, Gruftzubehör und Aufschriften wie R.I.P. beliebte Dekorationselemente. Doch seit wann haben Friedhöfe das Image eines schaurigen Ortes? Und was hat das mit dem Alten Friedhof in Schwerin zu tun?
Fest steht: Die wunderschöne Parkanlage zwischen Obotritenring und Von-Flotow-Straße stammt aus einer Zeit, in der sich die Bestattungskultur fundamental änderte. Waren Friedhöfe bis dahin Kirchhöfe gewesen, die an Gotteshäuser grenzten, wanderten die Begräbnisplätze im 18. und 19. Jahrhundert vor die Tore der Stadt. Parallel dazu wurden um die Wende zum 19. Jahrhundert die Bestattungen im Innern der Kirchen verboten. Für beides gab es vor allem hygienische Gründe: Die Kirchhöfe platzten aus allen Nähten, weil in der mittelalterlichen Stadt schlichtweg der Platz fehlte und in Seuchenzeiten viele Tote zu bestatten waren. In Kirchen sorgte der Verwesungsgeruch aus den unter dem Fußboden liegenden Grabkammern für unhaltbare Zustände, gegen die auch Weihrauchduft nichts ausrichten konnte.
So gab es auch in Schwerin im 19. Jahrhundert Bestrebungen, einen Friedhof außerhalb der Stadt anzulegen. Ein freundlicher Ort sollte es sein, an dem Menschen gern an den Ruheplätzen ihrer verstorbenen Angehörigen verweilten und von dem ein frischer Wind die „Miasmen“ – die üblen Dünste – forttragen würde. Allerdings war auf einem solchen Friedhof auch eine neue Ausdrucksweise des Standesbewusstseins gefragt. Hatten sich Familien der Oberschicht einst ihre Grabstelle in der Kirche gesichert, mussten sie sich nun anderweitig von der Menge absetzen. Mausoleen und Kapellen boten dazu die Möglichkeit.
Die Hanglage des Friedhofs in Schwerin, der auf dem einstigen Galgenberg angelegt wurde, unterstützte das Repräsentationsbedürfnis: Die Grabhäuschen waren hier schon von weitem zu sehen. Das war etwas anderes als das normale Reihengrab, mit dem Angehörige niederer Schichten vorlieb nehmen mussten. Die Kunsthistorikerin Anja Kretschmer widmet sich in ihrem Buch „Häuser der Ewigkeit“ der Sepulkralkultur in Mecklenburg-Vorpommern und spricht für die Jahre zwischen 1870 und 1880 von einem regelrechten Kapellen-Bauboom in Schwerin. Bauanträge waren beim Oberkirchenrat einzureichen und es entstanden rund 20 Grabbauten, zu denen auch Mausoleen und Grüfte gehörten. Das Repräsentationsbedürfnis war dabei durchaus von Konkurrenz geprägt: Der Kommerzienrat Mantius beispielsweise hatte sich von Hofbaurat Willebrand eine Grabkapelle entwerfen lassen, die direkt neben der Demmlerschen errichtet und „noch geschmackvoller“ als diese sein sollte.
Doch nicht immer bestand die Familie so lange, wie die für sie errichtete Grabkapelle. Manchmal wurden die Häuschen verkauft, manchmal verfielen sie. In den 1960-er Jahren wurden auf dem Friedhof mehrere baufällig gewordene Grabkapellen abgerissen. Die sterblichen Überreste der dort Bestatteten wurden zuvor eingeäschert und an anderen Stellen des Friedhofs beigesetzt. Bis heute erhalten blieben neben der Demmlerkapelle als Freimaurergrab von europäischem Rang die Wrisberg-Kapelle, die Masius-Kapelle und die Backsteinkapelle neben dem Demmlergrab. Die Memorialprojekte setzten teils renommierte Hofbauräte um und sorgten dafür, dass romantische Seelen an den Trauerorten Erhabenes empfinden konnten.
Diese Erhabenheit, verbunden mit der Mystik verwitterter Grabsteine und verschlungener Pflanzen, führte im 19. Jahrhundert dazu, dass Schriftsteller der Romantik Friedhöfe als Ort fürs neue Genre der Schauergeschichten entdeckten. Und noch etwas war passiert: Durch die Verlegung an den Stadtrand verschwanden die neuen Friedhöfe aus dem Alltagsleben. Waren die mittelalterlichen Kirchhöfe noch Orte des öffentlichen Treibens gewesen, auf denen man sich traf, verhandelte und sogar Recht sprach, war die Ruhestätte an der Peripherie ein „Gegenort“ zu solcher Lebhaftigkeit. Melancholie und Vergänglichkeit prägten jetzt das Bild, und was des Nachts auf solchen Totenäckern passierte, konnte niemand mehr aus dem Fenster heraus verfolgen. Da blieb viel Raum für Phantasie.
Katja Haescher




