Hausgeschichten
Eine Stadt wächst ins Grüne

Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in Ostorf, wo rund um die Lutherstraße Schwerins erste vorstädtische Villen-Kolonie entstand.
Wilhelmine und Agrippina, Ilse, Senta und Adele: Das sind nur einige Namen von Villen, die um die Wende zum 19. Jahrhundert in Ostorf entstanden. Was heute nahe dem Zentrum liegt, war zu diesem Zeitpunkt Vorstadt und so steht die Ostorfer Villen-Kolonie für zweierlei: das Wachstum der Stadt, aber auch die damals einsetzende Abgrenzung wohlhabender Schweriner von den „einfachen Leuten“.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde es in Schwerin voll. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich, der Bedarf an Wohnraum wuchs, die Häuser standen enger und wurden höher. Gleichzeitig wuchs damit auch der Wunsch der Gutbetuchten, sich zum Wohnen einen Flecken mit mehr Platz und mehr Luft zum Atmen zu sichern. In der Stadt waren Grundstücke zunehmend knapp und wohlhabende Bürger strebten jetzt ins Grüne. Das Ziel waren vor der Stadt liegende Dörfer – wie zum Beispiel Ostorf.
Der Historiker Norbert Credé hat diese Verstädterungsprozesse Ende des 19. Jahrhunderts analysiert. „Das Dorf am Stadtrand eröffnete Möglichkeiten zur Erfüllung zeitgemäßer bürgerlicher Wohnwünsche“, schreibt Credé. Es war der Beginn eines Prozesses, an dessen Ende im 20. Jahrhundert ein neuer Stadtteil einverleibt war.
Die Nähe des Dorfes Ostorf zur Stadt Schwerin war schon immer groß gewesen. Der Ort gehörte zum Domanialamt Schwerin, war nach Schwerin eingepfarrt, Kinder besuchten die dortigen Schulen und Fischer verkauften ihre Fische auf dem dortigen Markt. Groß war die Bevölkerung allerdings nicht: Im Jahr 1819 zählte ganz Ostorf 164 Einwohner. 100 Jahre später waren es dann bereits 939. Die größte Steigerung gab es im Bereich der Feldmark, dem Acker und Wiesenland zwischen Ostorfer Berg (heute Johannes-Stelling-Straße) und dem See bis hin zur Stadtgrenze. Die wurde von dem Bach Seeke gebildet, einem natürlichen Abfluss des Ostorfer Sees.
Sowohl der Seifenfabrikant Brunnengräber als auch der Maurermeister Nieske besaßen hier Gärten und damit zu entwickelndes Kapital. Während Brunnengräber sein Grundstück parzellierte und die einzelnen Teilstücke an verschiedene Bauunternehmer verkaufte, baute Nieske selbst und veräußerte später die Villen. Und wie bei jedem Projekt gab es natürlich auch Ärger, denn was für die einen gut war, war für die anderen schlecht. So befürchtete der Magistrat, das Abwasser der neuen Häuser könne die Seeke verschmutzen – entsprechende Beschwerden gab es auch vom Betreiber der Fischbrutanstalt am Burgsee. Nieske plante nun eine Entwässerung mittels Tonrohr in den See, hatte im Falle des Burgsees allerdings die Rechnung ohne den Großherzog gemacht: Das Hofmarschallamt ließ ausrichten, dass seine Königliche Hoheit aufgrund etwaiger übler Gerüche die das Schloss umgebenden Seen als Tabuzone für Abwasserkanäle bestimmt habe. Und auf dem Burgsee, wo der Großherzog gern ruderte, komme das Ganze gleich gar nicht in Frage. Nieske musste umplanen.
1900 erhielten die Wege in der Kolonie die Namen Lutherstraße und Regentenstraße. Die Häuser in der Lutherstraße hatten auf einer Straßenseite Grundstücke, die bis an die Seeke reichten. Erst später wurde hier die Straße gebaut, die heute vom Ostorfer Ufer in Richtung Innenstadt und Graf-Schack-Allee führt. Meist wohnte in einer Villa nur eine Familie: Theaterintendant und Hofmarschall, Offiziere, Räte und Professoren gehörten zur Nachbarschaft und genossen das Leben im Grünen auf Wohnflächen von bis zu 380 Quadratmetern.
Insgesamt entstanden rund 50 Stadtvillen, teils auch als Doppelhäuser. In der Lutherstraße sind sie größtenteils erhalten, in der Regentenstraße – der heutigen Lischstraße – wurden sie in den 1980er Jahren abgerissen und durch Plattenbauten ersetzt.
Katja Haescher




