14.08.2026

Hausgeschichten

Das Haus für Herzogs Luxus

Maschinenhaus am Schloss Wiligrad ist neuer Ausstellungsort des Kunstvereins
Das Vordach konnte anhand eines historischen Holzmodells denkmalgerecht ergänzt werden. In der Sichtachse ist das Schloss zu sehen.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute im Maschinenhaus des Schlosses Wiligrad, das seit kurzem wechselnden Ausstellungen eine Bühne bietet.

Ende des 19. Jahrhunderts zog Herzog Johann Albrecht in den Wald. Oder besser gesagt: in ein herrschaftliches Anwesen im Wald. Schloss Wiligrad war fertig geworden und mit ihm ein Ensemble von Gebäuden, die dem Fürsten an diesem Ort Luxus und Unabhängigkeit gewährten. Dazu gehörte das Maschinenhaus, das bei seiner Entstehung auf dem neuesten Stand der Technik war. Statt Dampfmaschine und Dampfkesseln beherbergt es heute Kunst: Der Kunstverein Wiligrad, bisher mit Ausstellungsräumen im Schloss, zeigt nun Kunst im Ambiente eines technischen Denkmals.

Und eines fällt bei diesem Denkmal gleich auf: Auch eine Maschinenhalle erhielt vor mehr als 100 Jahren eine wirklich schöne Verpackung. Das Backsteingebäude mit Schaugiebeln steht in einer ästhetischen Symbiose mit dem benachbarten Schloss, für dessen Behaglichkeit es hier dampfte: Im Herrschaftsflügel befand sich eine Zentralheizung, die ihre Wärme über einen Heiztunnel aus dem Maschinenhaus bezog. Gleiches galt für die Elektrizität, die es im Schloss ebenfalls gab – genauso wie Toiletten und einen Telefonanschluss.
Schließlich war Herzog Johann Albrecht nicht irgendwer: Als fünftes Kind von Großherzog Friedrich Franz II. und dessen erster Frau Auguste geboren, brauchte er zwar auf den Thron nicht zu hoffen, dennoch musste er zwischenzeitlich regieren: Als sein Bruder Friedrich Franz III. 1897 starb, übernahm Johann Albrecht bis 1901 die Regierungsgeschäfte für seinen minderjährigen Neffen, den späteren Friedrich Franz IV. Außerdem war Johann Albrecht seit 1895 Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft und empfing als solcher auf Schloss Wiligrad hochrangige Gäste bis hin zum bulgarischen König.

Für deren Wohlbefinden war also gesorgt. Und das Maschinenhaus trug dazu bei, dass die kleine Siedlung am Schweriner Außensee autark funktionieren konnte. Das Gebäude besteht aus einem Lang- und einem Querhaus. Im Langhaus standen Dampfkessel, Dampfmaschine und die Generatoren zur Stromerzeugung. Im Querhaus befanden sich eine Wäscherei und die Wohnung des Maschinenmeisters. Bis in die 1980-er Jahre verfügte das Gebäude sogar noch über einen 25 Meter hohen Schornstein.
Allerdings: Zu diesem Zeitpunkt lag Wiligrad wirklich am Ende der Welt. Die Nutzung als Ausbildungs- und Schulungseinrichtung der Volkspolizei führte dazu, dass das gesamte Gelände streng abgeriegelt war. Aber der Reihe nach.

Wiligrad blieb bis 1945 in herzoglichem Besitz. In jenem Jahr erfolgte ein weiterer Eintrag in die Geschichtsbücher, als Generalmajor Sir Colin Muir Barber hier stationiert war und mit Vertretern der sowjetischen Besatzungsmacht über den Grenzverlauf zwischen sowjetischer und britischer Besatzungszone verhandelte. Das Barber-Lyaschenko-Abkommen wurde im November 1945 in Gadebusch unterzeichnet. Mit der Enteignung und Umnutzung der Schlossanlage verlor auch das Maschinenhaus seine Funktion. Es war jetzt Unterkunftsgebäude, in den zurückliegenden Jahren stand es ganz leer.

Nun hat das Land Mecklenburg-Vorpommern als Eigentümer des Schlosses das Maschinenhaus saniert. Dabei entstanden Ausstellungs- und Veranstaltungsräume für den Kunstverein, aktuell ist dort die Ausstellung „PAARE Resonanz“ zu sehen. Bei den Bauarbeiten wurde außerdem ein historisches Holzmodell gefunden, das Hinweise auf ein ursprünglich geplantes Vordach lieferte – das Gebäude konnte nun um dieses Bauteil ergänzt werden. Und wer zur Ausstellung nach Wiligrad kommt, sollte auf keinen Fall vergessen, neben dem Maschinenhaus auch den wunderbaren Park zu erkunden.

Katja Haescher