17.09.2026

Hausgeschichten

Als die Feuerwehr modern wurde

Zum neuen Spritzenhaus in der heutigen Geschwister-Scholl-Straße kamen Profis als Brandschützer
Blick durch die Baulücke auf den Steigerturm.
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und öfter ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute im einstigen Spritzenhaus der Schweriner Feuerwehr in der Geschwister-Scholl-Straße, auf das immer noch der so genannte „Steigerturm“ hinweist. 

Wo kommt denn der Turm her? Mit dem Abriss der „Schauburg“ ist ein hell gestrichenes Fachwerk-Gebäude sichtbar geworden, das aus dem Innenhof zwischen Mecklenburg- und Goethestraße ragt. Wo sich heute Büros befinden, trainierten einst Feuerwehrleute das Fassadenklettern. Der Steigerturm ist Teil einer Infrastruktur, die um die Wende zum 20. Jahrhundert mit der Professionalisierung des Brandschutzes entstand.

Mit wachsenden Städten wuchsen auch die Anforderungen an die Feuerwehr. Das war in Schwerin nicht anders – wenngleich der Weg zu einer modernen Berufsfeuerwehr hier etwas holprig ver-lief.   Daran änderten auch die leidvollen Erfahrungen mit Bränden nichts, die es – wie in jeder Stadt – gab. 1831 verloren die Schweriner durch ein Feuer ihr Schauspielhaus. 1865 brannte das Kollegiengebäude mit dem Geheimen und Hauptarchiv. Ein Neubau an gleicher Stelle wurde zwei Jahre später vollendet und Verantwortliche machten darauf aufmerksam, dass für die hohen Regierungsbauten eine moderne Spritze mit einer größeren Reichweite angeschafft werden müsste. Mehrfach angemahnt, war dieses Utensil 1868 dann endlich da. Finanziert wurden die Ausgaben für die Feuerwehr durch die Feuerversicherungsbeiträge, welche die Hauseigentümer zu bezahlen hatten. Und weil in Schwerin viel gebaut wurde, füllte sich auch die Brandkasse. So konnte 1880 das erste Zentralspritzenhaus in der heutigen Mecklenburgstraße entstehen, das aber bald dem Postgebäude weichen musste. Ab 1891 war das städtische Spritzenhaus dann am anderen Ende der Straße zu finden. Das historische Foto aus dem Stadtarchiv zeigt es direkt neben der „Schauburg“, damals allerdings schon mit einigen Umbauten. Der Steigerturm mit einem Anbau gehörte im rückwärtigen Teil des  Grundstücks schon zum Bestand. Am Turm konnten Feuerwehrleute mit ihren Hakenleitern das Aufsteigen in höhere Stockwerke üben, außerdem wurden im Innern die Schläuche aufgehängt und getrocknet. 1907 gab es mit dem Neubau des Feuerwehrgebäudes in der Graf-Schack-Straße – der heutigen Geschwis­ter-Scholl-Straße – einen weiteren Modernisierungsschub. 66.800 Mark hatte der Bau gekostet, in dessen Erdgeschoss sich eine große Wagenhalle befand. Aufenthalts- und Schlafräume und ein Pferdestall im Innenhof kamen dazu.

Inzwischen gab es in der Stadt auch sechs fest angestellte Feuerwehrleute, die eine Tagwache stellten. Das hatte mit einem tagsüber ausgebrochenen Feuer im Juli 1904 in der Perzina-Fabrik zu tun, zu dem die Brandbekämpfer erst nach einer Stunde anrückten. „Die übrigen Feuerwehrmänner einschließlich des Feuermeisters Gölling blieben nebenamtlich tätig“, weiß Stadtarchivar Bernd Kasten. Weitere Investitionen in die Technik – 1904 das erste Automobil, 1913 eine leistungsfähige Motorspritze – folgten. Dass aber die technische Entwicklung wenig ausrichtete, wenn das überalterte Bedienungspersonal mit ihr nicht Schritt hielt, zeigte sich beim Schlossbrand im Dezember 1913.

„Der gänzlich überforderte 74-jährige Feuermeister Gölling, der diese Funktion schon seit 45 Jahren inne hatte, beging einen verhängnisvollen Fehler. Er schloss seine neue Motorspritze an den Hydranten auf dem Schlossvorplatz an, anstatt das Wasser aus dem Burgsee zu nehmen. Diese Spritze verbrauchte allein so viel Wasser, dass der Druck in allen anderen Hydranten so stark abfiel, dass sie kaum noch zum Löschen zu verwenden waren“, so Bernd Kasten.  Klar, dass der Großherzog angesichts dieser Unfähigkeit tobte – hätte er doch beinahe sein Schloss verloren. 
Auch der Bürgerausschuss hatte scheinbar von dilettantischem Brandschutz die Nase voll. Allerdings verzögerte sich die Bildung einer Berufsfeuerwehr noch einmal durch den Ausbruch des Ers­ten Weltkriegs, bis es schließlich 1919 soweit war. 36 Mann unter Leitung eines erfahrenen Branddirektors waren Schwerins erste Berufsfeuerwehr.

Und die Häuser? Die Bauakten im Stadtarchiv bei Jörg Moll verraten Näheres. Das Gebäude in der Mecklenburgstraße 55 wurde 1929 für eine Fürsorgeküche umgebaut und musste nach der Wende einem modernen Wohnhaus weichen. Und in der einstigen Feuerwache nebst Steigerturm hat das städtische Wohnungsunternehmen WGS einen  Bürostandort gefunden. 

Katja Haescher