Wirtschaft

„Stationär und online sind dabei die zwei Seiten einer Medaille“

Umsatzeinbrüche durch die Corona-Pandemie, Konkurrenz aus dem Internet und möglicherweise schon  bald ein neues Einkaufszentrum – wie sieht die Zukunft der Center in Schwerin aus?
Die Marienplatz-Galerie
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Nicht zuletzt im Zuge der Pandemie verlagerte sich der Einzelhandel immer mehr in das Internet.Neben altbekannten Platzhirschen wie Amazon, Otto, Zalando und eBay mischen zunehmend auch kleinere regionale und lokale Anbieter mit. Diese gebündelt sichtbarer zu machen, hat sich zum Beispiel die Handelsplattform shop.digitalesmv.de zum Ziel gesetzt.

Wie jedoch gehen die stationären Einzelhändler künftig mit der Situation um? Verödet die Innenstadt tatsächlich nach und nach, wie viele befürchten, weil sich das Shoppen zusehends ins World Wide Web verlagert? Oder ist das alles nur Schwarzmalerei, und mit viel Kreativität steuern die Geschäftsinhaber erfolgeich in eine mehr und mehr digitale Einkaufswelt? Wandeln sich die Läden in Showrooms fürs Online­geschäft und verbinden auf diese Weise Bits und Bytes mit dem sinnlichen Shoppingerlebnis?

Von dem Wandel betroffen sind auch die großen Center. Und dann könnte es schon bald ein weiteres Einkaufszentrum geben: „Schwerino“, das Fachmarktzenrum am Haselholz.
Wie beurteilen die Manager der größeren Schweriner Shopping-Center die Situation? Wie sehen sie die Zukunft des Handels an ihren Standorten mit Blick auf die Konkurrenz aus dem Internet? Und könnte das neue Fachmarktzentrum „Schwerino“ belebend wirken, oder wäre es am Ende nur ein Center zu viel für unsere kleine Stadt?

"Genug Einzelhandelsflächen"

Henner  Schacht, Center-Manager der Marienplatz-Galerie, schätzt ein: „Es werden zunehmend mehr Kunden in den Online-Handel abwandern. Gerade mit dem ersten Lockdown im Frühjahr haben wir schon viele Kunden verloren, alle – insbesondere junge Leute – sind nicht zur Rückkehr in den statio­nären Handel zu bewegen. Online-Handel ist 24/7 verfügbar. Nicht sichere beziehungsweise stabile Öffnungszeiten, nicht ausreichend verfügbare Sortimente im stationären Handel sind Nachteile gegenüber dem Onlinehandel.
Notwendig wäre ein ausgeprägtes Service-Angebot für die Kunden sowie eine Alleinstellung im stationären Handel, das gibt es leider nur vereinzelt. Mangelnde Vielfalt an Geschäften und zunehmende Uniformität der Läden von Stadt zu Stadt regen nicht zum Shoppingtourismus an.“

Auch was die Eröffnung eines weiteren Centers betrifft, zeigt Schacht sich skeptisch: „Schwerin hat genug Einzelhandelsflächen. Das ‘Schwerino‘ würde gleiches innenstadtrelevantes Sortiment anbieten müssen, um seine Flächen zu belegen. Außerdem würde es nicht wenig Kaufkraft aus der City abziehen.“

"Abgestimmtes Konzept"

Schwerins Wirtschaftsdezernent Bernd Nottebaum sieht dieses Problem jedoch nicht: „Bei allen Planungen stehen die Verträglichkeit und der Schutz innenstadtrelevanter Sortimente im Vordergrund“, betont er und verweist damit auf das sogenannte SUR-Gutachten von 2017 (SUR steht für Stadt-Umland-Raum) – ein „abgestimmtes regionales Einzelhandelskonzept, das auch in der Stadtvertretung beschlossen wurde“. Darin enthalten seien acht „zentrale Versorgungsbereiche“, darunter das Hauptgeschäftszentrum Innenstadt sowie „drei periphere Sondergebietsstandorte des großflächigen Einzelhandels (ohne Bau-/Möbelmärkte)“. Erfasst sind in dem SUR-Gutachten unter anderem auch Super­märkte, Bau­märkte und andere Fachmärkte.

Anfang Januar 2020 erhielt der Investor LMI Projekt Immobilien GmbH die Baugenehmigung für das Fachmarktzentrum am Haselholz, angepasst an sein bis dahin mehrfach geändertes Konzept. Als größere Nutzungseinheiten genehmigt wurden: Verbrauchermarkt mit 4.500 Quadratmeter Verkaufsfläche, Sportartikelfachmarkt (2.800 Quadratmeter), Fachgeschäft für Kleinmöbel/Matratzen (1.200 Quadratmeter), ein Drogeriemarkt sowie Gastronomie und  Dienstleis­tungen – eine typische Mischung für so ein Center also.

Ursprünglich sollte auch ein Baumarkt integriert werden, davon rückte der Projektträger LMI aber ab und wollte an dem Standort lieber ein Möbelhaus etablieren. Für solche und andere Sortimentsänderungen „müsste eine erneute Änderung des Bebauungsplanes erfolgen – dafür gibt es in den städtischen Gremien derzeit keine Mehrheiten“, teilt Nottebaum mit. „Eine grundlegende Verträglichkeits-/Auswirkungsanalyse (vom Februar 2016) für das Projekt liegt vor und verheißt unter anderem lediglich minimale Auswirkungen auf den innerstädtischen Einzelhandel.“


"Bummeln muss Spaß machen"

Klaus-Peter Regler, seit Kurzem Centermanager des Schlosspark-Centers, ist anderer Meinung: „Durch die in Schwerin und Umgebung im Vergleich zum Bundesdurchschnitt um rund 10 Prozent niedrigere Kaufkraft und die schon jetzt rund 50 Prozent über dem Bundesdurchschnitt liegende Ausstattung mit Einzelhandelsfläche pro Einwohner sehe ich eine weitere maßgebliche Ansiedlung von Einzelhandelsflächen außerhalb der Innenstadt von Schwerin äußerst kritisch. Dies umso mehr in Verbindung mit den Herausforderungen aus dem sicherlich weiterhin prosperierenden Onlinehandel und den weitreichenden Folgen von Corona.“

Die Stärken des Shoppens über das World Wide Web seien die hohe Angebots- und Preistransparenz und während der Pandemie zusätzlich die „gesundheitliche Sicherheit“ und vor allem Bequemlichkeit. Der Online-Handel habe somit seinen Marktanteil gerade während der beiden Lockdowns nochmals deutlich ausbauen können. „Nach Corona muss es dem stationären Einzelhandel gelingen, neben dem immer wichtiger werdenden Thema der Bequemlichkeit, also vor allem der guten Erreichbarkeit, wieder mit einer hohen Service-Qualität und einem echten Einkaufserlebnis zu punkten“, sagt Regler. „Bummeln muss wieder Spaß machen mit einem breiten Angebot aus Einzelhandel, Dienstleistung und dem Besuch eines Cafés oder eines Restaurants.“

Der Centermanager sieht aber für die Geschäfte auch Chancen im Onlinehandel: „Jeder stationäre Händler braucht eine angemessene Onlinepräsenz. Stationär und online sind dabei keine Gegensätze oder Alternativen, sondern die zwei Seiten einer Medaille. Wussten Sie, dass sich deutlich mehr Kunden zunächst online informieren und dann stationär kaufen als andersherum? Die Steigerung einer guten Onlinepräsenz ist dann der ergänzende Onlineshop eines stationären Händlers.“

Und dann kommt er auch noch mal auf das „Schwerino“ zurück:  „Während mit dem zweiten neuen Mitbewerber, dem Wittenburg Village, zumindest über die Skihalle und das Hotel neues Kundenpotenzial erschlossen wird, wird mit dem ‘Schwerino‘ wohl kaum neue Kaufkraft nach Schwerin gezogen, vielmehr werden die ohnehin unter Druck stehenden stationären Umsätze umverteilt. Damit wird mit einer zusätzlichen Ansiedlung des ‘Schwerino‘ das falsche Signal gesetzt, die Schweriner Innenstadt wird geschwächt und nicht nur händlerische Existenzen bedroht.“

"Entwicklungen beobachten"

Noch ist aber nicht ganz klar, wie das Angebot im „Schwerino“ im Einzelnen aussehen wird. Hans Georg Krampe vom Investor LMI sagt: „Einige Mieter sind schon vertraglich gebunden, andere, wie ein Möbelhändler, warten immer noch auf eine positive Unterstützung durch die Genehmigungsbehörden. Aussagen hierzu sind also noch verfrüht.“

Und das auch mit Blick auf das Onlineshopping: „Die aktuelle Situa­tion durch die Corona-Pandemie wirft im statio­nären Einzelhandel essentielle, grundsätzliche und strukturelle Fragen in der gesam­ten Branche auf. Wir werden diese Entwicklungen genau beobachten, mit unseren Mietern diskutieren und wenn nötig, daraus Schlussfolgerungen für die Entwicklung und Anpassung des Projektes ziehen.“      

"Lange schon Normalität"

Das „Schwerino“-Areal befindet sich ganz in der Nähe des „Sieben Seen Centers“ und des „Köpmarkts“, ungefähr in der Mitte zwischen diesen beiden Einkaufszentren. Beide warten erstmal ab, was das neue Center bringt: Wettbewerb oder willkommene Ergänzung zu den Sortimenten der etablierten Anbieter?

Aber auch hier hat man mit der zunehmenden Konkurrenz aus dem World Wide Web zu kämpfen. Marion Bergmann, Centermanagerin des „Sieben Seen Centers“, sagt: „Dass Kunden bestimmte Einkäufe auch woanders tätigen, ist lange schon Normalität.“
Sie sei überzeugt, dass Konkurrenz – egal welcher Art – das Geschäft belebe. „Und davon profitieren letztlich immer die Kunden!“, ist sie überzeugt. „So haben manche unserer Händler im Lockdown beispielsweise auch Click & Collect angeboten, also Onlinebestellungen zum Abholen im Center. Und wir als Centermanagement haben ihnen auf unserer Website kostenlos Werbefläche für ihre Onlineshops angeboten. Neue, kreative Services werden wir auch nach Corona anbieten.“

Und jetzt könnte auch noch der Onlinehändler Amazon nach Schwerin kommen – mit einem Verteilzentrum in den Göhrener Tannen. Dann hätte der stationäre Handel in Schwerin die Konkurrenz direkt vor der Nase.