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„Ich arbeite gern mit dem Zufall“

Dr. Dorothea Walz ist Sprachdozentin und freischaffende Künstlerin
Dorothea Walz mit einem kürzlich von ihr geschaffenen Kunstwerk
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„Ich male in erster Linie für mich, mir gefallen meine Bilder“, sagt Dorothea Walz. Genau diese Herangehensweise möchte sie auch ihren Schülern beim Kurs „Urban Sketching“ vermitteln, den sie seit vergangenem Jahr an der Volkshochschule gibt. Vor allem aber gehe es hier darum, seine Umgebung durch Hinschauen und Zeichnen besser wahrzunehmen.
Urban Sketching bedeute schließlich, rauszugehen und Alltagssitua­tionen festzuhalten. „Das kann auf dem Marienplatz sein, ein Straßenmusiker, der die Leute unterhält, oder einfach ein schönes Gebäude“, erläutert sie. Dazu genügten ein Bleistift oder ein Kugelschreiber und ein einfaches Blatt Papier. Sie selbst habe oft ihr Skizzenbuch dabei, in das sie ihre Beobachtungen zeichnet, so ent­stehe ein Tagebuch in Bildern.

Die Kunst hat Dorothea Walz bereits von klein auf begleitet. Dabei scheute sie auch nicht vor aufwendigeren Techniken zurück. „Schon mit 13 oder 14 Jahren habe ich meine ersten Radierungen angefertigt“, blickt sie zurück. „Auf die Idee bin ich gekommen, als wir Armbänder, Schälchen und andere Gegenstände aus Kupfer mit Bildern und Mustern verziert haben.“ Das Verfahren dazu gleicht im Prinzip dem zur Herstellung der Druckplatten für Radierungen.
Noch heute arbeitet sie gern mit dieser Methode. Einige der so entstandenen Arbeiten hängen derzeit im städtischen Kul­tur­informa­tions­zen­trum (KIZ), das leider momentan nicht geöffnet ist. „Metamorphosen“ heißt die Ausstellung. Sie umfasst aber nicht nur Radierungen, sondern auch andere Bilder, die vor allem mit Mischtechniken entstanden sind.

Hierfür grundiert sie die Leinwand, lässt die Schicht trocknen und schaut, welche Strukturen durch das Aufplatzen beim Trocknungsprozess entstehen. Anschließend gibt sie dem Werk Farbe, bevorzugt Acryl. „Der Zufall ist für mich ganz wichtig, mit dem arbeite ich gern“, erläutert sie. „Auf diese Weise entstehen vor allem abstrakte Landschaften, aber auch ganz abstrakte Bilder.“

Obwohl sie die Kunst schon fast ihr ganzes Leben begleitet, rückte das Künstlerische für Dorothea Walz viele Jahre in den Hintergrund. Erst ab 2006 habe sie sich wieder intensiv damit befasst.
Zuvor legte die gebürtige Karls­ruherin ihr Hauptaugenmerk auf Sprachen. In Heidelberg studierte sie Altphilologie – das hieß vor allem Latein – und Romanistik; sie promovierte sogar auf dem Gebiet. Die Nähe zu Frankreich und die damit verbundenen vielen Besuche im Nachbarland veranlassten sie zunächst, Französisch zu lernen. Inzwischen spricht sie auch Italienisch, Portugiesisch und Spanisch. Bei der Berufswahl habe sie sich gegen die Kunst und für „die sichere Seite“, die Sprachen, entschieden.

Nach ihrem Studium blieb sie zunächst in Heidelberg, wo sie in der Universitätsbibliothek lateinische Handschriften katalogisierte. Danach lehrte sie an der Uni Latein. Wegen mangelnder Perspektiven verließ sie die Universität und arbeitete als freie Redakteurin für mehrere Verlage an Lateinschul­büchern. Vor 18 Jahren zog es sie nach Schwerin. „Die Ostsee, die Mecklenburgischen Seen, die weiten Landschaften hier im Nord­osten begeistern mich nach wie vor“, sagt die Wahlschwerinerin.

Auch in ihrer neuen Heimat blieb sie Freiberuflerin. An die Schwe­ri­ner Volkshochschule ging sie bereits 2008 als Dozentin, diesmal für Ita­lie­nisch. Gern reist sie auch nach Italien – nicht zuletzt, um ihre Sprachkenntnisse frisch zu halten. Dem Lateinischen blieb sie aber treu. Zum Beispiel in Form der Texte von Ovid. Der römische Dichter lebte um das Jahr 0 und schrieb unter anderem ein gigantisches Gedichtwerk über den Anfang der Welt und ihre Geschichte bis zu Beginn unserer Zeitrechnung.

„Metamorphosen“ heißen Ovids Versbücher – und damit nicht zufällig so wie die Ausstellung von Dorothea Walz im KIZ. Sie habe sich davon inspirieren lassen, sagt sie. Die Radierungen illustrieren diese Schriften von Ovid. So finden sich bei der Künstlerin unter anderem die Lykischen Bauern wieder, der großspurige Phaeton und Daphne, die in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. Sie sagt: „Ovids Mythologie lässt sich auch sehr gut auf die Gegenwart übertragen. Die Geschichte von Phaeton zum Beispiel, der sich überschätzt und bei seinem Himmelsritt einen Weltenbrand ausgelöst hat, kann man als Metapher für den Klimawandel ansehen. Leichtsinn, Egoismus und Anmaßung spielen jeweils eine wesentliche Rolle.“

Dorothea Walz hat auch schon eine Menge Bilder für eine Ausstellung im schweizerischen Ascona fertig. Die Eröffnung musste sie leider verschieben. Sie hofft, dass es im Mai endlich losgehen kann. Jetzt hat sie erstmal Zeit, weitere Kunstwerke zu schaffen – abstrakte Bilder genauso wie Skizzen aus dem Alltag. S. Krieg