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„Hauptsache zufrieden abstinent“

Frank Hoffmann verkauft das Magazin „Die Straße“ und ist seit 25 Jahren trockener Alkoholiker
Frank Hoffmann an seinem Arbeitsplatz
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Durchhalten. Das will Frank Hoffmann. Um sich zu motivieren, greift er manchmal im Supermarkt eine Pulle aus dem Schnaps­regal und schaut auf die Prozente. „Kumpel“, beginnt er dann seinen inneren Dialog, „so ein Zeug hast du so viele Jahre lang in dich hineingeschüttet, völlig sinnlos.“

Früher wäre es ihm nicht gelungen, Weinbrand oder Klaren einfach so wieder zurück ins Fach zu stellen. Der Alkohol war sein Lebenselixier; eine Flasche Hochprozentigen plus reichlich Bier soff er täglich.
Frank sagt, es sei für ihn kein Problem, über seine Alkoholsucht zu reden, offen mit dem Thema umzugehen. Die schlimme Zeit hat er längst hinter sich gelassen: Seit Ende 1995 trinkt der heute 58-Jährige keinen Alkohol mehr.

„Am 17. November 1995 hat mich mein Chef wegen Alkoholismus rausgeschmissen, ich war bis dahin Baumaschinist. Direkt nach der Entlassung habe ich mich entschlossen, trocken zu werden. Am 18. November, einem Sonn­abend, habe ich noch fünf große Bier und eine halbe kleine Flasche Klaren getrunken – zum Ausschleichen. Das war‘s“, berichtet er.

Heute verdient er sich zum Arbeitslosengeld 2 ein bisschen was durch den Verkauf des Magazins „Die Straße“ hinzu. 14 Stunden im Monat steht er mit einem kleinen Stapel Zeitschriften im Arm am Eingang des Hanse-Centers in der Güstrower Straße oder des Rewe-Centers auf dem Margaretenhof. Jedem Käufer gibt er freundliche Worte mit auf den Weg. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und ein schönes Leben“, sagt er meistens. Aber er macht diesen Job nicht allein wegen des Geldes: „Es bringt mir Freude, unter Leuten zu sein, und es hilft ungemein dabei, nicht wieder zum Scheißalkohol zu greifen.“

Als 13- oder 14-Jähriger sei er „zum ersten Mal mit Alkohol in Verbindung gekommen“. Zu der Zeit wohnte er in einem Dorf bei Waren. „Überall im Verwandten- und Bekanntenkreis wurde getrunken, ich kannte das gar nicht anders. Wenn ich im Ort unterwegs war, forderten mich die Erwachsenen immer mal wieder auf, auch einen Schluck zu nehmen. So gewöhnt man sich daran“, blickt er zurück.

Später während seiner Lehre als Fliesenleger begann er richtig zu saufen – so wie es die Kollegen in der Baubrigade taten. „Ich bin automatisch immer tiefer reingesackt“, erzählt Frank. „Der Genuss entwickelt sich nach und nach zur Sucht – ein schleichender Prozess.“ Mit einem Lächeln fügt er hinzu: „Wenigs­tens habe ich nie das Rauchen angefangen.“ Dass er auch tagsüber große Mengen an Doppelkorn, Goldbrand und Bier in sich hineinkippte, habe ihn nie bei der Arbeit beeinträchtigt, betont er.

Obgleich er einen handwerklichen Beruf erlernte, wollte er immer am liebsten mit Tieren arbeiten. „Wir hatten zu Hause Hunde, Katzen, Hühner, Schweine, Kaninchen und was weiß ich noch alles“, erinnert er sich. „Ich bin mit Tieren aufgewachsen und mag sie immer noch gern.“

1989 fand er endlich einen Job in der Schweineproduktion. Später, nach dem kurzen Intermezzo als Baumaschinist, arbeitete er wieder in einem Schweine­stall. Es folgte eine längere Phase der Arbeitslosigkeit, in der er bereits „Die Straße“ verkaufte. 2007 ergatterte er erneut eine Stelle in einem Schweinezucht­betrieb.

Wie passt diese Arbeit mit Tierliebe zusammen, Frank? „Das ist für mich kein Widerspruch“, sagt er. „Geboren werden, aufwachsen und sterben gehört für mich alles dazu.“ Obwohl die Schweine getötet werden? „Ja“, sagt er, „so ist es nun mal. Irgendwo muss das Essen doch herkommen“. Am meisten Spaß habe ihm die Arbeit im Abferkelbereich gemacht, einer Geburtsstation für Sauen. Später verdiente er sein Geld in der Rinderzucht als Melker.
Das alles ging nicht mehr, nachdem er einen Bandscheibenvorfall erlitten hatte. Vor fast 14 Jahre war das, aber die Folgen machen ihm heute noch zu schaffen. So hat er beim Verkauf der „Straße“ immer einen Hocker dabei, um sich kurz hinsetzen zu können.

Gartenarbeit funktioniere aber noch recht gut. Er freue sich schon mächtig, dass die Saison wieder beginnt. Auf ihrer kleinen Parzelle einer Gartensparte in Mueß bauen er und seine Frau unter anderem Erdbeeren, Möhren und Kartoffeln an, nicht zuletzt, weil Supermarkt-Obst und -Gemüse für sie auf Dauer viel zu teuer seien. Mit Köpfchen und Geschick schafft Frank es trotz mickriger Einkünfte (auch seine Frau lebt von Hartz IV), immer mal ein paar Euro zurückzulegen. Im Mai will er sich von dem gesparten Geld ein neues Auto kaufen.

Er sei schon ein bisschen stolz, sein Leben gut in Griff bekommen zu haben. Nun unterstütze er andere, es ihm gleichzutun. Deswegen besucht er regelmäßig eine Gruppe des zur Diakonie gehörenden Suchthilfeverbands Blaues Kreuz und spricht dort mit Alkoholkranken, in deren Probleme und Ängste er sich gut einfühlen kann. Über die Blaukreuzler hat Frank Hoffmann sogar zum christlichen Glauben gefunden; vor sieben Jahren wurde er getauft.

Welche Ziele und Wünsche er noch habe? Wenn es ginge, würde er gern wieder im Schweine- oder Kuhstall arbeiten, sagt er. „Aber die zufriedene Abstinenz ist die Hauptsache für mich“, fügt er hinzu. S. Krieg