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Große und kleine Getriebe

Im Porträt: Uwe Oertel, Präsident des 1. Mecklenburger Uhrenclubs
Verschmitzter Blick, so kennt man Uwe Oertel (56)
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„Getriebe ist Getriebe“, sagt Uwe Oertel, „ob nun beim Lkw oder bei einer Armbanduhr.“ Zahnräder, Wellen, generell Mechanik – begeisterten ihn von klein auf: „Als Kind schon habe ich ganz gern mal Uhren auseinandergenommen und mit Zahnrädern Kreisel gespielt.“ In der Familie sei das, vorsichtig formuliert, nicht immer wohlwollend aufgenommen worden. Später wurden die Getriebe, für die sich Oertel interessierte, immer größer.

Schon mit 16 Jahren fuhr der gebürtige Berliner gern Motorrad; viele Stunden verbrachte er auf dem Sitz seiner MZ TS 150. Damals war er Abiturient in Sanitz. „Mit 18 bin ich dann flügge geworden“, erinnert er sich. Für ihn hieß das, an die Polizei-Offiziersschule zu gehen. Im Rahmen des Studiums lernte er ein Jahr lang den Beruf des Kfz-Schlossers – und zwar genau dort, wo seine Maschine gebaut wurde, in Zschopau. Parallel dazu ließ er sich zum Fahrlehrer ausbilden.

Nach vier Jahren, 1985, war er dann nicht nur Polizist, sondern hatte zusätzlich den Abschluss Dipl.-Ing. (FH) für Maschinenbau in der Tasche. Zu der Zeit war Oertel bereits Vater eines vierjährigen Soh­nes; seine Partnerin hatte er mit 14 Jahren kennengelernt und blieb mit ihr zusammen, heute ist sie seine Frau.

Studium und Privatleben zu koordinieren, stellte sich für beide oft ganz schön stressig dar. So pendelte Oertel zum Beispiel täglich per Motorrad die rund 20 Kilometer zwischen Studien- und Wohnort. „Nach den vier Jahren war ich froh über das Ende der Ausbildung und gespannt auf die nächsten Lebensaufgaben“, erinnert sich der heute 56-Jährige.

Erstmal zurück in den Norden, hieß es dann für ihn: In Stralsund wurde er dem Transportzug der Kasernierten Volkspolizei zugeordnet. Bis zur Wende arbeitete er dort und wechselte 1990 in die Landespolizei. Später ließ er sich nebenbei auch noch zum amtlich anerkannten Sachverständigen für den Kraftfahrzeugverkehr ausbilden. Wie viele Uhrwerke er in dieser Zeit neugierigerweise demontiert hat, ist nicht überliefert.

Jedenfalls kaufte Oertel sich 1994 auf einem Flohmarkt einen russischen Armband-Chronographen, also im Prinzip eine Armbanduhr mit Stoppfunktion. Schon ein halbes Jahr später war der Chronograph kaputt. „Der Uhrmacher, an den ich mich gewendet habe, meinte aber, da könne er so nicht viel ausrichten, und ein neues Uhrwerk müsse her. Das hätte aber mehr gekostet, als ich für das Stück bezahlt hatte“, blickt er zurück.

Da der Chronograph für ihn also wirtschaftlich gesehen nun Schrott war, konnte er frohen Mutes selbst mal ins Innere der Uhr schauen, was sich so machen ließe. „So ein Uhrwerk ist doch auch bloß ein Getriebe mit einer mechanischen Steuerung“, habe er sich gedacht und dann gleich mal „auf unprofessionelle Weise“ das Gehäuse geöffnet. Und was stellte sich nach gründlicher Untersuchung mittels Lupe heraus? Es war bloß eine Schraube lose, die er wieder festzog. Der Chronograph sei dann die nächsten zehn Jahre, so lange er ihn in seinem Besitz hatte, problemlos gelaufen, sagt er.

Spätestens dieses Erfolgserlebnis war der Anstoß für Uwe Oertel, sich in Richtung Hobby-Uhrmacher weiterzubilden. Alles autodidaktisch, wie er betont. Er studierte entsprechende Literatur und nahm immer wieder Uhren ausein­ander.

Nach und nach richtete er sich daheim, inzwischen in Schwerin, eine Werkstatt ein. Zum Uhrmacher hat er allerdings nicht umgeschult; nach wie vor arbeitet er als Polizist. „Aber Uhren sind bis heute mein Hobby geblieben“, sagt er. „Ich repariere in meiner Werkstatt jedoch nicht nur Uhren, sondern auch viele andere mechanisch betriebene Dinge.“
Er habe sogar schon ein Armbanduhrengehäuse selbst angefertigt und dies mit einem Taschenuhrwerk bestückt. Da ist Präzision gefragt. „Oh ja“, sagt Oertel mit einem wissenden Lächeln. „Man benötigt natürlich eine ruhige Hand, aber vor allem auch innere Ruhe. Sonst wird das alles nichts. Sie müssen bedenken, dass es hierbei teilweise um fast haarfeine Bauteile mit einem Durchmesser von 0,1 Millimetern geht.“

Ihm bringe es aber immer wieder Freude, kreativ tätig zu sein, etwas zu schaffen. „Ich finde es auch wichtig, etwas Mechanisches für die Nachwelt zu erhalten“, betont er, „das gilt für Uhren genauso wie zum Beispiel auch für Spielzeug und Musikinstrumente.“ Wenn er darüber redet, kommt er richtig ins Schwärmen über die Meisterleis­tungen, die Menschen schon im Mittelalter und sogar in vorchristlicher Zeit vollbracht haben.

Nach und nach habe er über sein Hobby eine Menge Uhren-Enthusiasten kennen gelernt und sei so auf den 1. Mecklenburger Uhrenclub gestoßen, der 2015 vor allem mit den Zielen gegründet wurde, das Projekt „Kirchturmuhren in Not“ zu unterstützen und Uhrensammler zusammenzubringen. Seit 2017 ist Uwe Oertel Präsident des Vereins. Er sagt: „Es fasziniert mich, dass wir in dem Club so unterschiedliche Typen sind. Jeder hat seine speziellen Interessen – von der Spieluhr über Spindeltaschenuhren bis hin zu elektrischen Uhren ist alles dabei.“ Im Rahmen von „Kirchturmuhren in Not“ pflegt und stellt Oertel übrigens regelmäßig die Uhr der Schelfkirche; zurzeit wird das Uhrwerk jedoch generalüberholt.

Der Vater dreier Kinder und Großvater dreier Enkel reitet aber noch ein paar weitere Steckenpferde. Zum Beispiel hat er an Schmiedekursen teilgenommen und sich dabei ein Damaszenermesser selbst hergestellt. Er reist nach Norwegen zum Angeln, joggt, kurvt mit dem Fahrrad durch die Natur. Und Motorrad fährt er auch noch gern; inzwischen nennt er aber eine BMW Cruiser sein Eigen, deren Getriebe läuft präzise wie ein Uhrwerk. S. Krieg