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Ein großer Versöhner

William Wolff hat maßgeblich dazu beigetragen, in Schwerin jüdisches Leben erblühen zu lassen
Ansteckend fröhlich: der Landesrabbiner William Wolff in der Schweriner Synagoge
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Den meisten Schwerinern war es ein vertrautes Bild. Dunkel gekleidet, den schwarzen Hut auf dem Kopf und mindestens zwei Taschen in der Hand, eilte der kleine Mann vom Bahnhof in Richtung Schlachtermarkt. Grüßte nach links und rechts, es gab so viele, die ihn kannten und die sich an sein verschmitztes Lächeln erinnern werden.
Am 8. Juli ist der Schweriner Ehrenbürger und langjährige Landesrabbiner William Wolff im Alter von 93 Jahren gestorben.

William Wolff hat wesentlich dazu beigetragen, das Judentum in Schwerin und im ganzen Land wieder zu einem selbstverständlichen Teil des täglichen Lebens zu machen. 2002 übernahm er das Amt des Landesrabbiners in Mecklenburg-Vorpommern und war Seelsorger für die jüdischen Gemeinden in Schwerin und Rostock, deren Mitglieder Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion waren. Sie brachten ein kulturelles Erbe zurück, das nach dem Holocaust verloren schien und das unter William Wolffs Fürsorge neu erblühte. Der Landesrabbiner war immer bereit zu reden: über Religion, Gesellschaft, Kultur. Er war ein geschätzter Gesprächspartner mit dem großen Talent, integrativ zu wirken und mit einem wunderbaren Humor.

William Wolff wurde 1927 als Wilhelm Wolff in Berlin geboren. 1933 flohen die Eltern mit ihm und seinen Geschwistern in die Niederlande und von dort weiter nach Großbritannien. Hier wurde Wolff später Journalist und schrieb für verschiedene Tageszeitungen, darunter den „Daily Mirror“. Im Alter von 52 Jahren trat er ins Leo-Baeck-College ein und absolvierte die Rabbinerausbildung, war danach in verschiedenen Gemeinden in Großbritannien tätig. Dann der Ruf aus Deutschland: Zuwanderer gründeten jüdische Gemeinden neu, Rabbiner wurden gebraucht und William Wolff führte fortan ein Leben zwischen Schwerin und England. Mit dem Flugzeug und dem Zug ging es hin und her. Er, der um die Schwierigkeit des sich Neu-Einfindens wusste, lernte Russisch, um mit den Gemeindemitgliedern in deren Muttersprache sprechen zu können, ihnen emo­tio­nalen Halt zu geben.

William Wolff war es auch, der sich maßgeblich für den Bau einer neuen Synagoge in der Landeshauptstadt einsetzte – zusammen mit den Mitgliedern des Fördervereins für ein jüdisches Gemeindezentrum. Das alte Schweriner Gebetshaus war in der Pogromnacht 1938 schwer beschädigt und die Gemeinde danach zum Abriss des Gebäudes gezwungen worden.

70 Jahre später feierte Rabbi Wolff in Schwerin an diesem Ort mit seiner Gemeinde, vielen Weggefährten, Unterstützern und Freunden die Einweihung der neuen Synagoge – sichtbares Zeichen für jüdisches Leben in der Stadt.
Bis 2015 wirkte William Wolff als Landesrabbiner und behielt auch nach seinem offiziellen Ausscheiden den Titel ehrenhalber. Am 27. Januar 2014 wurde er Ehrenbürger der Stadt Schwerin.
Das Mutmachen durch ansteckende Fröhlichkeit und Gottvertrauen ist das, was Armin Jäger, ehemaliger Schweriner Stadtpräsident und Mitbegründer des Fördervereins für ein jüdisches Gemeindezentrum, von seinem Freund William Wolff besonders in Erinnerung behalten wird – und dessen unerschütterliche Überzeugung, dass die meis­ten Menschen gut sind.

„Es scheint eine Sonne weniger“, hat eine Leserin auf der Facebook-Seite von Schwerin live unter die Nachricht vom Tod Rabbi Wolffs geschrieben. Das stimmt. Denn der Mann mit den vielen Talenten besaß auch die besondere Gabe, die Tage ein bisschen heller zu machen. Katja Haescher