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„Andere Wege im Tourismus gehen“

Seit zehn Jahren ist Berthild Horn SeniorTrainerin und schon fast ihr ganzes Leben Gästeführerin
Berthild Horn (69) in ihrem Garten im Süden ihrer Wahlheimat Schwerin.
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Wenn am 22. Februar auch in Schwerin der Weltgästeführertag begangen wird, darf Berthild Horn nicht fehlen. Schon als Schülerin habe sie Gäste durch ihre Heimatstadt Leipzig geleitet und dabei Wissen vermittelt. Sogar als Reiseleiterin in Diensten des DDR-Reisebüros war sie unterwegs. Weil sie dies besonders gut gemacht habe, durfte sie hin und wieder auch bei Touren ins Ausland dabei sein, in die Mongolei zum Beispiel und öfters in die Sowjetunion.

Das Hobby Gästeführungen hat sie beibehalten, als sie 1976 nach Schwerin umzog. Aber einfach nur so den Leuten Fakten und Geschichten zur Stadt mitzugeben, habe ihr irgendwann nicht mehr genügt. Deshalb schlüpft sie gern mal in ein Kostüm – das kann eine Mecklenburger Tracht genauso sein wie Kleid und Hut einer Hofdame oder die Montur eines Nachtwächters. Ausgangspunkt dafür war ihr Auftritt als Petermännchen. Eine Kollegin habe sie Mitte der 90er Jahre dazu ermuntert, für Schweriner und Schwerinbesucher den Schlossgeist zu spielen. Sie hat später dann sogar ihre eigene Petermännchen-Agentur gegründet.

„Wenn ich im Kostüm auftrete, sind die Leute oft neugierig und fragen mich, wen ich denn darstelle“, sagt sie. „Deshalb sind die Kos­tüme für mich auch ein touristisches Geschäft. Ich finde es generell wichtig, andere Wege im Tourismus zu gehen, um die Menschen abzuholen. Die Kostüme sind ein gutes Mittel dazu.“
Soweit es ging, hat Berthild Horn ihre Kostüme selbst genäht. Das Nähen bringt sie seit acht Jahren auch Kindern der John-Brinckman-Grundschule bei. In der Handarbeits-AG fertigen die Viertklässler zum Beispiel Bommeln, kleine Taschen und Applikationen an. Einige der selbstgenähten Accessoires möchten sie zum Schul­jahres­ende auf einer kleinen Modenschau vorstellen. „Mein Anliegen ist es, den Mädchen und Jungen Kreativität zu vermitteln“, sagt Berthild Horn. „Und sie brauchen wie alle Menschen Anerkennung für das, was sie tun. Die bekommen sie über die Ergebnisse ihrer Handarbeiten.“ Und – nicht zu vergessen – durch den „Nähmaschinenführerschein“, den sie am Ende des Kurses erhalten.

Aber auch die mittlerweile 69-Jährige lernt immer weiter. „Mir ist es wichtig, mich stets weiterzubilden. Man muss auch als älterer Mensch etwas für sich tun“, sagt sie. Dieses Credo erfüllt sie auf mehreren Ebenen. Zum Beispiel, als sie Anfang der 90er Jahre ihr Hobby zum Beruf machte. Als Zahntechnikerin konnte sie damals aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiterarbeiten; so schulte sie zur Reiseverkehrskauffrau um. Außerdem eignet sie sich regelmäßig auf unterschiedlichen Wegen Wissen über ihre Wahlheimat Schwerin und teils auch die Region an. Ihre Kenntnisse gibt sie dann bei den Führungen weiter.

Vor genau zehn Jahren begann sie für ihr ehrenamtliches Wirken eine Zusatzausbildung zum sogenannten SeniorTrainer. Das entsprechende Zertifikat erhielt sie im April 2010. In den SeniorTrainer-Kursen geht unter anderem darum, wie Ehrenamtliche (vor allem ältere) andere Menschen aktivieren und anleiten können, darum, was versicherungsmäßig zu beachten ist, wie sie Projekte finanzieren können und vor allem, welche Projekte denn überhaupt gefragt sind. „Ich hatte da natürlich schon meine Stadtführungen im Hinterkopf“, sagt Berthild Horn. „Die sind schließlich mein Metier.“

Sie führt übrigens nicht nur Touristen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, sondern zeigt auch in speziellen Führungen vor allem Einheimischen ganz bestimmte Abschnitte Schwerins. Diese Stadtteilführungen dauern immer etwa 45 bis 60 Minuten und sind für die Teilnehmer kos­tenlos. Begleitet wird sie dabei von ihrem Ehemann Dr. Frank Horn. „Manche Schweriner waren in bestimmten Ecken der Stadt teilweise  schon Jahrzehnte nicht. Für die ist es dann sehr interessant zu sehen, wie sich das jeweilige Viertel entwickelt hat, und dazu auch noch ein paar Informationen zu bekommen. Um kompetent berichten zu können, halte ich mich selbst immer auf dem Laufenden“, sagt die Gästeführerin.

Die Stadtteilführungen finden je dreimal im Frühling und im Herbst statt. Dieses Frühjahr stehen sie unter dem Motto „Auf den Spuren des Weltkulturerbes“. Die nächste Stadtteilführung steht am
5. März auf dem Plan: Ab 14.14 Uhr wird der Dwang erkundet. Im April geht es dann auf der Krösnitz weiter, und im Mai ist die Gartenstadt an der Reihe.
Besonders aber liegt ihr der Alte Friedhof am Herzen. Warum dies? „Wissen Sie“, antwortet die sympathische Süd-Schwerinerin, „es gibt so viele Persönlichkeiten, die in Schwerin gewirkt haben, über die aber trotzdem kaum jemand etwas weiß. Anhand der Grabstellen kann ich dann über diese Menschen etwas erzählen.“ Sogar für Kinder biete sie extra Friedhofsführungen an.

Der Weltgästeführertag hat in diesem Jahr das große Thema „Lieblingsorte“ bekommen. Berthild Horn musste nicht lange überlegen, welchen Ort sie wählt. Sie geht am 22. Februar mit den Gäs­ten über den Alten Friedhof (Treffpunkt 10.30 Uhr an der Kapelle). Der Führung hat sie den poetischen Titel „Orte der Liebe und des Abschieds – die letzte Ruhestätte“ gegeben. S. Krieg