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Schutzengel auf vier Pfoten

Labradorhündin Lulu hat einen ausgezeichneten Spürsinn: Wenn der Zuckerspiegel von Arnold gefährlich schwankt, schlägt sie Alarm
Der neunjährige Arnold und Labradorhündin Lulu schlafen Bett an Bett. So kann der Hund sofort reagieren, wenn Gefahr im Verzug ist.
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Das Gepäck für den Wochenendausflug steht bereit. Wie immer hat Berit Quaß Insulin und Glukagon, Katheder und Spritzenmaterial, Notfallbesteck und vor allem genügend Essen eingesteckt. Notwendige Utensilien, wenn Gefahr im Verzug ist. Denn ihr neunjähriger Sohn Arnold ist seit seinem zweiten Lebensjahr Typ 1-Diabetiker. Sein Körper kann das lebenswichtige Hormon Insulin nicht produzieren, das zur Verarbeitung von Kohlenhydraten benötigt wird; reagiert stattdessen auf Überzuckerung mit Krämpfen und auf Unterzuckerung mit Aggressivität, in beiden Fällen bis hin zur Bewusstlosigkeit. Ständig muss deshalb der Blutzuckerwert überwacht werden. Vor allem in der Nacht ist eine Kontrolle unerlässlich. In den ersten Lebensjahren ihres Sohnes musste Berit Quaß dafür Nacht für Nacht  aufstehen.  Heute hat
Labradorhündin Lulu diese Aufgabe übernommen. Bett an Bett schläft sie mit Arnold. Wenn dessen Blutzuckerwert sinkt, wenn sich infolge dessen Atem und Körpergeruch ändern, kommt
Lulus ausgezeichneter Spürsinn zum Tragen. Die ausgebildete Dia-betikerwarnhündin weckt dann Arnold oder seine Eltern, drängt mit Anspringen oder Kratzen auf eine Reaktion. Auch am Tage ist Lulu möglichst immer an der Seite von Arnold, begleitet ihn zur Schule, zu Freunden, zu seinen Freizeitaktivitäten. Selbst den Notrufknopf am häuslichen Telefon hat die dreijährige Hündin zu bedienen gelernt. „Heute überschattet die chronische Stoffwechselkrankheit nicht mehr unser Leben. Wir haben gelernt mit ihr zu leben, ein halbwegs normaler Alltag ist möglich“ stellt Berit Quaß, die in Schwerin das Institut für Transfusionsmedizin des DRK leitet, fest. Erleichterung schwingt in der Stimme der Mutter, die selbst Ärztin ist. Denn die Internistin erinnert auch viel schwerere Zeiten: Als die Krankheit ihres Sohnes beispielsweise diagnostiziert wurde und sich von jetzt auf gleich so vieles im Leben änderte. Als die ständige Belastung die eigenen Kräfte aufzerrte und sich die Schwerinerin am Rande eines Burnout fühlte. „Man musste immer aufpassen wie ein Lux, lebte ständig in Lauerstellung, alles drehte sich ums Messen und Spritzen und zum Abschalten kam man gar nicht mehr“, schildert Berit Quaß. Zum Glück lasen sie und ihr Mann Robert in einer Fachzeitschrift über eine spezielle Hundeausbildung, für die sich in Deutschland Simone Luca Barrett stark macht. Gemeinsam mit Diana Poyson, der Betreiberin einer Hundeschule in Niedersachsen, werden seit vier Jahren Begleithunde für
Diabetiker
ausgebildet. Familie Quaß begeisterte sich für diese Art von Schutzengel für ihren Sohn, entschied sich für die Tausende Euro kostende Ausbildung, auch wenn diese – anders noch als beispielsweise bei einem Blindenhund – nicht von der Krankenkasse oder der privaten Krankenversicherung bezahlt wird. Auf diese
 Weise kam Lulu in das Haus der Familie in Lankow. Die Hundeschule suchte einen geeigneten Welpen aus, gemeinsam absolvierten Hund und Familie die Ausbildung, die nicht nur die üblichen Gehorsamsübungen umfasst, sondern die Hunde darauf abrichtet, im Ernstfall Alarm zu schlagen. „Lulu kratz hoch“ oder „Lulu hopp niedrig“ sind Befehle, die die pechschwarze Hündin heute aus dem Effeff beherrscht und mit denen sie auf Blutzuckerschwankungen reagiert.
Letzterer Befehl ist übrigens auch ein Buchtitel. Familie Quaß meis-tert nämlich nicht nur eine besondere Familiensituation, sondern hat auch rund um die Bewältigung der Krankheit viele Erfahrungen gemacht. Erfahrungen, auf die bislang kaum Fachliteratur eingegangen ist. Den Impuls, alles Erlebte und Gelernte in einem Buch zu verarbeiten, hat Journalistin Franziska Drewes aufgegriffen und gemeinsam mit dem Ehepaar eine für Jung und Alt lesenswerte Lektüre verfasst. Die schildert aus der Sicht der Warnhündin, wie sie zum Verbündeten für Arnold wird. Aus heutiger Sicht kann die Schulmedizinerin Berit Quaß ihrer damaligen Lebenssituation einen Sinn abgewinnen. Ihren Frieden habe sie mit der Krankheit gemacht, betont sie beim Abschied: „Ohne sie würde ich wahrscheinlich nicht so viel Zeit mit Arnold verbringen und nicht so viel über ihn wissen.“