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Die Kirsche ernten

Bewegung im frühen Kindesalter ist ein Schlüssel für das Leben
Kinder wollen sich ausprobieren und sich mit Gleichaltrigen messen. So gewinnen sie Erfahrungen und bekommen Sicherheit.
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Das Herbstsymposium 2014 des Kinderzentrums Mecklenburg befasste sich mit der kindlichen Bewegung. Wir sprachen dazu mit dem Kinderarzt Dr. med. Tilman Köhler, kommissarisch Leitender Arzt des SPZ Mecklenburg.

Herr Dr. Köhler, wie wichtig ist Bewegung im Kindesalter?


Vorzugsweise im Kleinkindesalter finden wir eine Entwicklungsphase, in der die Motorik eine wesentliche Rolle spielt. Motorische Erfahrungen spielen für die Kinder eine derart große Rolle, dass sie damit letztlich Erfahrungen der Bewegungen, des Zählens, der Raumeinschätzung und der Geschicklichkeit sammeln.

Diese Erfahrungen sind in der Regel auch immer mit einem Erfolgserlebnis verbunden. Kinder probieren sich aus, sie klettern, sie erreichen ein Ziel, sie fallen nicht von einem Baum herunter und sie ernten dann zum Beispiel die Kirsche. Darüber freuen sie sich. Sie haben eine motorische Leistung vollbracht und werden damit insgesamt stabiler und stärker in der Körperbeherrschung.

Diese wichtige Bewegungserfahrung ist Voraussetzung, dass die Kinder in Ruhephasen geistige Erfahrungen machen können, die dann wiederum die wesentliche Grundlage für die Schulfähigkeit und auch die Schulbildungsfähigkeit sind.

Zum Beispiel nach frühkindlichen Hirnschädigungen sind die Alltagsaktivitäten oft stark eingeschränkt. Wie kann man „gegensteuern“?

Als ambulante Spezialeinrichtung arbeitet das Kinderzentrum eng mit den zuweisenden Kinder- und Hausärzten zusammen. Gemeinsam mit den Eltern erstellen Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen und Therapeuten in einer ausführlichen Diagnostik ein umfassendes Bild des Kindes, seiner Verhaltensweisen und Lebensbedingungen.

Daraus entwickeln wir dann gemeinsam die Schritte, die dem Kind und seiner Familie helfen, den Weg ins Leben weiter zu gehen.

Ungeschicklichkeit oder Unruhe sind aber nicht immer krankhaft.

Nein. Aber allgemein immer mehr Kinder haben eine Minderung ihrer motorischer Kompetenz bis hin zu erheblichen motorischen Störungen: Sie können bestimmte Bewegungen, wie zum Beispiel das Schnürsenkelbinden oder das Ballfangen, einfach nicht mehr ausführen. Störungen der motorischen Fähigkeiten engen den Bewegungs- und Handlungsspielraum von Kindern ein. Sie beeinflussen die Kinder meist in ihren Verhalten, beeinträchtigen ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen.

Konzentrationsmangel ist häufig Folge eines Bewegungsmangels! Der Diagnostikbedarf bei Kindern ist sehr groß. Die Patientenzahlen im Kinderzentrum sind da auch ein Spiegel unserer Gesellschaft: 13,5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Mecklenburg-Vorpommern weisen Auffälligkeiten in der Grobmotorik auf. Feinmotorische Unsicherheiten haben 11,5 Prozent. Das ist alarmierend.