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Wie es sich bei Hofe lebte

Die frühere Grundschullehrerin Gerda Liberka führt nun durchs Schlossmuseum, vor allem Kinder
Auch zu Weihnachten ist die 72-Jährige im Dienst; dann berichtet sie vor allem, wie der Adel Heiligabend verbrachte. Foto: S. Krieg
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Zu Gerda Liberkas Spezialgebieten zählen unter anderem Tischsitten, und Umgangsformen bei Hofe. Es ist nun aber nicht so, dass die 72-Jährige den Leuten Manieren beibringt. Obwohl vielleicht doch. Denn als Museumsführerin im Schweriner Schloss erzählt sie vor allem Kindern, wie es damals zuging im Kreise der großherzoglichen Gesellschaft. Die Mädchen und Jungen hören ihr nicht nur gern zu, sondern merken sich oft auch das eine oder andere für ihr eigenes Leben.

Gerda Liberka wurde 1944 im heutigen Tschechien geboren und kam als Kleinkind nach Mecklenburg. Sie wuchs in der Nähe von Zarrentin auf, ging dort zur Schule, trainierte in einem Schwimmverein und betreute schon als Schülerin nachmittags Kinder beim Sport. Schnell wusste sie: „Lehrerin, das ist genau der richtige Beruf für mich.“ So studierte sie nach der zehnten Klasse in Dömitz und unterrichtete anschließend in der Unterstufe (heute Grundschule).

Sie fing an in Zarrentin, ihrer alten Heimat, wechselte später nach Wittenberge und kam Ende der achtziger Jahre nach Schwerin zur Körperbehindertenschule in Lankow. Ein für die Arbeit dort benötigtes Zusatzstudium begann sie kurz vor der Wende in Ludwigsfelde und beendete es kurz nach der Wiedervereinigung im westlichen Teil Berlins.

Sie gab die Fächer Mathe, Deutsch und Sport. Letztes funktionierte aber Mitte der neunziger Jahre aus gesundheitlichen Gründen plötzlich nicht mehr. Sie übernahm neben den beiden Hauptfächern statt Sport nun den Kunstunterricht. „Zuvor hatte ich mit Kunst gar nicht so viel zu tun“, erinnert sie sich, „aber Sie wissen ja, wie das oft ist: Wenn man sich mit einer Sache ein bisschen mehr beschäftigt, wird sie richtig interessant.“ Die sportliche Kunstlehrerin vermittelte fortan nicht nur den Kindern Wissen, sondern lernte über die Jahre vor allem bei vielen Fortbildungen auch selbst eine Menge.
Als sie sich vor zwölf Jahren aus dem Schuldienst verabschiedete, wollte sie Kunst und Kultur gern treu bleiben. Aber wie am besten?

Bei der Antwort half ihr ein Infozettel, der ihr genau zum richtigen Zeitpunkt in die Hände fiel: „Schlossmuseumsführer gesucht“. Sie zögerte. Ob das wirklich das Richtige für sie wäre? Auch ermuntert durch eine frühere Kollegin meldete Gerda Liberka sich aber schließlich an. Die Vorbereitung auf ihre künftige Schlossführertätigkeit: eine Woche Kurs und ein riesen Stapel Unterlagen zum Selbststudium. Außerdem schaute sie sich eine Menge von den erfahrenen Kollegen ab, indem sie deren Führungen begleitete.

„Weil ich ja früher Lehrerin war, bekam ich schnell die Kinderführungen“, erinnert sie sich. Auch heute noch führt sie oft Schulklassen durch die Ausstellungen. Die jungen Museumsbesucher für Geschichte, Kunst und Architektur zu begeistern, sei nicht immer so leicht. Dafür, weiß sie, brauche es für jede Gruppe eine Art Aufhänger. „Sehr schön ist es zum Beispiel jedes Mal im Speisezimmer“, sagt sie. „Wir lesen uns dort den Speiseplan durch und vergleichen mit dem, was heute so bei den Kindern auf den Tisch kommt.“ Generell kämen Bezüge zur eigenen Erlebniswelt bei den Mädchen und Jungen gut an. So stellt die Museumsführerin auch gern mal den Stundenplan eines Prinzen den Stundenplänen heutiger Schulklassen gegenüber.

Selbst zu Weihnachten ist Gerda Liberka im Schloss unterwegs. Am zweiten Feiertag vormittags erzählt und zeigt sie den Besuchern – jungen und älteren – unter anderem, wie die Adligen Heiligabend verbracht haben, welche Geschenke unter dem Tannenbaum standen und was die höfische Gesellschaft sowie die Bediensteten an den Festtagen gegessen haben.

„Die Schlossführungen“, sagt sie, „sind immer eine schöne Abwechslung für mich als Rentnerin.“ Im Durchschnitt etwa zwei bis drei Stunden pro Woche macht sie das. Die verbleibende Zeit gehört zum großen Teil ihrer Familie, aber auch in ihrem Schrebergarten verbringt sie viele Stunden – und sie verreist viel. „Die schönste Reise war vor fünf Jahren, als ich mit meinen Kindern per Wohnmobil durch die Rocky Mountains gefahren bin“, schwärmt sie. Auch mit dem Schlossverein, dessen Mitglied sie ist, verreist Gerda Liberka viel. „Wir schauen uns dann vor allem Schlösser und Herrenhäuser sowie historische Innenstädte an“, sagt Gerda Liberka. Die nächsten beiden Reisen führen ins Salzburger Land und in die Normandie. S. Krieg