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Immer auf Achse in Schwerin

Ilka Adjinski ist Fahrerin eines Doppeldeckerbusses und Taubenzüchterin
Ilka Adjinski vor „ihrem“ roten Doppeldeckerbus
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Seit acht Jahren lenkt Ilka Adjinski den roten Doppeldeckerbus regelmäßig durch Schwerin. Aber den Blick für die Schönheit unserer Stadt hat sie auch nach tausenden Runden vorbei am Schloss und anderen sehenswerten Ecken nicht verloren. Vor allem geht es ihr aber darum, Touristen einen Eindruck von Schwerin zu ermöglichen.

Vor sieben, acht Jahren habe sie auch mal für den Nahverkehr als Busfahrerin gearbeitet. „Das war nichts für mich“, sagt sie. „Mir fehlte der persönliche Kontakt zu den Menschen. Den habe ich jetzt. Und die Leute, die im Doppelstockbus mitfahren, sind gut drauf, weil sie Urlaub haben. Oft stehen Kinder am Straßenrand und winken. Manchmal lasse ich auch die Kleinen kurz für ein Foto am Lenkrad sitzen, das finden sie ganz toll.“
In der Regel ist ein Stadtführer mit an Bord, der den Fahrgästen unterwegs Wissenswertes über Schwerin berichtet. Aber falls der mal ausfällt, greift Ilka Adjinski selbst zum Mikrofon und plaudert sachkundig und unterhaltsam über Architektur, Herzöge, Seen und darüber, was es sonst noch Spannendes zu unserer Stadt gibt. Um sich all die Fakten anzueignen, wälzte sie eine Menge Bücher und absolvierte eine Ausbildung zur Stadtführerin. „Ich habe mich richtig in die Stadtgeschichte reingekniet“, sagt sie.

Geboren wurde die heute 52-Jährige in Warin und wuchs in Sternberg, Brüel, Güstrow und Dabel auf. Ihr Vater kümmerte sich im Kreisbetrieb für Landtechnik um jede Menge großer Maschinen und Fahrzeuge. Oft wurde er von seinem Töchterchen auf die Arbeit begleitet. Und die war fasziniert von den Mähdreschern, Häckslern, Geräteträgern und vor allem einem roten Traktor ZT 300. „Ich bin dort überall herumgeklettert, habe mich gern ans Lenkrad gesetzt, und manchmal drehte mein Papa sogar ein paar Runden auf dem Hof mit mir“, erinnert sie sich.

Sie habe auch gern mit ferngesteuerten Autos gespielt, mit Puppen hingegen nicht viel anfangen können. Nach der Schule, sie hatte die zehnte Klasse mit „ausgezeichnet“ abgeschlossen, wollte sie Lokführerin werden oder noch lieber Busfahrerin. Eine entsprechende Lehre wurde ihr aber verwehrt. So ließ sie sich erstmal zur Gärtnerin ausbilden, hängte später ein Gartenbau-Fachschulstudium dran und arbeitete auch kurz in der Landwirtschaft – im Hinterkopf jedoch stets die Sehnsucht, einen großen Bus zu fah­ren.

Dann kam die Wende, und Ilka Adjinski musste sich umorientieren. Sie besorgte sich einen Transporter, aus dem sie auf den Dörfern in der Sternberger Region alles verkaufte, was im Haushalt gefragt war. Einer 93-jährigen Dame beschaffte sie sogar einen Kana­rienvogel. Mit dem Transporter näherte sie sich ihrem großen Traum an, der 1997 begann wahr zu werden. Endlich eine Ausbildung zur Busfahrerin! Die Gebühren dafür, 6.000 Mark, spendierten ihr Mutter und Großmutter. Einen Lkw-Schein machte sie bei der Gelegenheit auch gleich.

Es folgten Jobs als Taxifahrerin, in der Schülerbeförderung und als Fahrerin eines Stadtrundfahrten-Panoramabusses. Und dann endlich ein ganz großer Bus: 2011 durfte Ilka Adjinski einen gelben Doppeldecker durch Wismar steuern. Das sei wegen der vielen engen Gassen und Straßen gar nicht so leicht gewesen, erinnert sie sich. Aber sie hat es gemeistert. Und seit 2012 fährt sie nun in Schwerin einen Sightseeing-Doppelstockbus.

Der Job bedeutet aber auch, im Sommer fast ständig auf Achse zu sein und Überstunden zu sammeln, während es im Herbst und Winter dafür um so ent­spannter für sie wird. „Die Familie freut sich, wenn ich mal zu Hause bin“, sagt sie. Und sie findet in den ruhigen Tagen Zeit für ihr Hobby. Sie freut sich: „Das passt ganz gut, dass ich im Herbst viel frei habe, denn dann beginnt die Zeit der Rassegeflügelausstellungen.“ Seit 2003 ist sie Mitglied des Rassegeflügel­zucht­­vereins Sternberg und Umgebung, mittlerweile arbeitet sie dort auch im Vorstand. Das alles begann für sie Ende der 1990er Jahre, als sie bei einem Erntefest ein Taubenpärchen gewann.

„Da habe ich mir gedacht, zwei Tauben sind ein bisschen wenig, und noch einige dazugeholt“, blickt sie zurück. Den Platz für die Vögel gab es schon, denn einst hatte bereits ihr Vater Tauben gehalten. Der alte Taubenschlag in Dabel stand leer, und Ilka Adjinksi füllte ihn wieder mit Leben. „Über die Jahre“, sagt sie, „habe ich mich von der Taubenhalterin zur Züchterin entwickelt.“ Für ihre Carneau-Tauben ergatterte sie auf Meisterschaften bereits Auszeichnungen.

Ihr zweites Hobby ist Reisen. Und dann muss es auch nicht der Bus sein. Besonders gern erinnert sie sich an eine Flusskreuzfahrt im vergangenen Jahr in Russland, die sie gemeinsam mit ihrer Mutter unternahm, die früher Russischlehrerin war. Auf der Strecke lagen Städte wie St. Petersburg und Moskau. „Meine Mutter war so begeistert“, sagt sie. „Endlich konnte sie all die Sehenswürdigkeiten bewundern, von denen sie zuvor immer ihren Schülern erzählt hatte.“ Auch Ilka Adjinski haben die großen russischen Städte sehr gefallen. Aber am schönsten ist es für sie immer noch in ihrer Heimat Schwerin.S. Krieg