13.02.2026

Leute

Erinnerung an Nachbarn wach halten

Interview "Köpfe aus Schwerin" mit Sabine Klemm
Sabine Klemm (62) ist Gründerin und Sprecherin der Stolperstein-Initiative Schwerin. Gerade ist sie für ihre Arbeit mit dem Kunst- und Kulturpreis ausgezeichnet worden.
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Was war für Sie der Anlass, die Stolperstein-Initiative zu gründen?
Als ich 2001 nach Schwerin kam, gab es hier noch keine Stolpersteine. Ich kannte sie aus Berlin und finde die Idee der individuellen Erinnerung von Gunter Demnig genial. Begonnen hat dann 2004 alles als Schülerprojekt: Wer hat hier gewohnt, warum wurden diese Menschen verfolgt und ermordet, das waren Fragen, mit denen sich die jungen Leute beschäftigten. Unterstützung hatte ich von Anfang an von der Jüdischen Gemeinde Schwerin, insbesondere dem Landesrabbiner William Wolff und seinem Nachfolger Yuriy Kadnykov. Außerdem von einer Lehrerin des Herdergymnasiums, Historikern wie Dr. Bernd Kasten, der Schicksale von Schweriner Juden erforscht hatte, und der Journalist Matthias Baerens, der mit den Jugendlichen über das Schicksal der Familie Kychenthal sprach. Nachdem das Schülerprojekt vorbei war, habe ich 2011 die Initiative gegründet.

Was hat Sie in dieser Zeit besonders bewegt?
Ach, es gab viele emotionale Momente. Manchmal kam es zu richtigen Familienzusammenführungen. Oder Familien jüdischer Opfer und Nachfahren deutscher Täter kamen gemeinsam zur Verlegung. Als im Juni 2006 die ersten Stolpersteine in Schwerin verlegt wurden, unter anderem für die Kychen­thals, hat mich das sehr bewegt. Ich fühlte mich irgendwann so vertraut mit ihnen, stellte mir vor, wie es wäre, ins Kaufhaus Kychenthal zu gehen, eine kleine Enkeltochter an der Hand, die dann wie alle Kinder einen Lolli geschenkt bekäme ... Mich bewegt es auch, wenn es anderen so geht. Wenn zum Beispiel ein Bewohner aus einem Haus mit Stolperstein zu mir sagt: Ich denke oft an den Menschen, der hier gewohnt hat, stelle mir vor, dass er so wie ich hier ans Geländer gefasst oder morgens das Fenster geöffnet hat ... 

Wie wählen Sie aus, an wen mit Stolpersteinen erinnert wird?
Dahinter steckt viel Recherche. Wenn bei einer Verlegung das Interesse durch die mediale Berichterstattung groß ist, ergeben sich daraus oft Ansätze. Da heißt es dann zum Beispiel: Eigentlich müsste der Gustav auch einen kriegen. Der Schweriner Gustav Rülke hatte als Angehöriger der Wehrmacht bedauert, dass Georg Elsers Attentat auf Hitler gescheitert war. Rülke wurde 1939 hingerichtet. Sein Stolperstein liegt in der Gartenstraße 7.

Wie gehen Sie mit dem um, was Sie bei den Recherchen erfahren?
Manchmal ist es schwer zu ertragen, wie im Fall der Euthanasie-Opfer, für die wir eine Stolperschwelle verlegt haben. Es waren in den Augen der Nazis „unnütze Fresser“, die den Steuerzahlern auf der Tasche liegen, ohne etwas beizutragen und unter dem Label „lebensunwertes Leben“ geführt wurden. Aber wer entscheidet, wer leben darf und wer nicht? Sind wir Gott?

Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung mit dem Kunst- und Kulturpreis?
Mit dem Preis rücken die Stolpersteine noch mehr in den Fokus. Sie haben die Kraft, uns zu berühren, erlauben uns zu trauern. Jeder kann seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Wer sich damit beschäftigt, wird merken, dass wirklich jeder zum Opfer werden konnte – warum sollten wir davor gefeit sein, dass es wieder passiert? Was mich umtreibt, ist, dass wir aus dieser Geschichte scheinbar nicht gelernt haben, wie Faschismus an die Macht kommt und wie komplex dieser Prozess sein kann. Und mein alter Freund Sting behält leider recht: History will teach us nothing – die Geschichte wird uns nichts lehren.

Interview: Katja Haescher