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Künstlerin bricht mit Klischees

Porzellan ist mehr als die weiße Tassen mit Goldrand. Bei Sylvia Ludwig in Pingelshagen entstehen daraus neben Geschirr auch Gefäße und Objekte, mal schwarz, mal weiß, immer im Spiel aus Form und Struktur. Fast möchte man sagen, dass sich bei ihr alles ums Porzelann dreht, aber es ist anders herum: Sylvia Ludwig dreht das Porzellan und zwar auf der Töpferscheibe. Das ist untypisch, denn eigentlich wird das „weiße Gold“ gegossen. „Porzellan hat einen starken eigenen Willen“, sagt die 46-Jährige. So wird die Arbeit zum Kräftespiel, zur ständigen Auseinandersetzung mit dem Material und das Resultat zu etwas Besonderem.
In ihrer Werkstatt in Pingelshagen findet Sylvia Ludwig die nötige Ruhe, sich ihrem Sparringspartner auf der Drehscheibe zu widmen. Der Winter ist dafür wie gemacht. Es gibt keine Märkte, die Töpfer sind nach dem Weihnachtstrubel zu Hause und haben Zeit für Neues. „Ich mag diese Zeit des Experimentierens, in der ich mich den übers Jahr zusammengetragenen Ideen widmen kann“, sagt die Töpferin. Genauso mag sie es, wenn einige Wochen später wieder die ersten Besucher an die Werkstatttür klopfen. Das ist spätestens in einigen Wochen der Fall. Der 14. und 15. März ist Tag der offenen Töpferei und im Töpferland Mecklenburg lohnt sich die Landpartie. Allein an der Landesstraße 03 von Schwerin nach Mühlen Eichsen stehen die Wegweiser zu drei Werkstätten. Nach dem Abzweig zu Sylvia Ludwig in Pingelshagen geht es nach Cramonshagen zu Birgit Teiner und Dalberg zu Birke Kästner. Und in gewisser Weise sind die drei Künstlerinnen miteinander verbunden: Bei Birgit Teiner hat Sylvia Ludwig ihr Handwerk gelernt, von Birke Kästner hat sie vor einigen Jahren das Management für den Schweriner Töpfermarkt übernommen.
Der Markt gehört zu den schönsten und qualitativ hochwertigsten im Norden. Keramiker aus ganz Deutschland und darüber hinaus bewerben sich hier um Stände. In diesem Jahr werden zum Beispiel Teilnehmer aus Japan, Polen und Tschechien dabei sein und Sylvia Ludwig weiß um das Privileg, auszusuchen und die Besten nach Schwerin einladen zu dürfen.
Schon als Anfängerin, nach ihren allerersten Märkten, war die junge Töpferin überzeugt: So möchte ich leben! Die bunte Atmosphäre der Verkaufsausstellungen, das Zusammensein mit den Kollegen und die Begegnungen mit den Kunden sind der Grund, weshalb sie neben dem ruhigen Winter auch den turbulenten Sommer liebt. Da macht es auch nichts, dass es jedes Mal einem Umzug gleicht, wenn sie das Auto für den Töpfermarkt belädt. Bis zu acht Märkte und Ausstellungen stehen in Sylvia Ludwigs Jahreskalender und zwischendurch muss sie in der Werkstatt immer wieder dafür sorgen, dass ihr Marktstand gut bestückt ist.
Die Faszination für das Produkt ist auch der Grund, weshalb die Tochter aus einer Musikerfamilie diesen Weg einschlug. „Musik verfliegt, Keramik bleibt“, sagt sie. Seit dem vergangenen Jahr zählt dieses Handwerk zum immateriellen Kulturerbe und auch hier sieht Sylvia Ludwig den Wert ihres Tuns. Sie engagiert sich im Vorstand des Landesverbands MV für angewandte Kunst und die vor drei Jahren etablierte Leistungsschau „fangfrisch“ zeigt dessen Potenzial.
In Zeiten wie diesen, in denen inflationär viel gekauft und weggeworfen wird, vermitteln die Keramikkünstler Formbewusstsein und Qualität. „Möchten wir ohne schöne Dinge leben?“, fragt sie rhetorisch und weiß, dass die Antwort immer noch Nein lautet.
Das erfährt sie auf Märkten, aber auch, wenn Besucher wie am zweiten Märzwochenende in ihre Werkstatt kommen. Dieser Kontakt zu den Menschen ist ihr wichtig, die Gäste sollen sehen, wo das Porzallan entsteht, sollen ein Gefühl für Arbeitsprozess und Produkt bekommen und natürlich auch ihre Fragen loswerden. Die am häufigsten gestellte ist die nach dem Unterschied von Porzellan und Ton. Wer es noch nicht weiß: Porzellan besteht aus Porzellanerde, dem so genannten Kaolin, Feldspat und Quarz. Ton dagegen enthält farbige Bestandteile und viele Mineralien. Tonkünstlerin ist Sylvia Ludwig also nicht geworden – weder mit Geige, Klavier und Saxofon noch an der Töpferscheibe. Dafür Porzellankünstlerin, die ihr Material seit 20 Jahren ausgiebig studiert. Sie spricht von Porzellan wie von einem lebendigen Wesen, das an manchen Tagen keine Lust auf die Drehscheibe hat und hin und wieder überlistet werden muss – zum Beispiel bei hohen Bodenvasen, die sie aus mehreren Teilen zusammenfügt.
Unerwartetes gefällt Sylvia Ludwig dabei gut – zum Beispiel, wenn gar nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, dass es sich um Porzellan handelt. Ein neues Spannungsfeld eröffnet sie, wenn sie am Tag der offenen Töpferei zusammen mit ihrer Kollegin Antje Rabe die Ausstellung „Virtuose Oberflächen“ gestaltet. In Pingelshagen stehen dann die Rakugefäße von Antje Rabe mit ihrer derben, kraftvollen Struktur der durchscheinenden Feinheit von Sylvia Ludwigs Porzellan gegenüber. Jeweils von 10 bis 18 Uhr sind Ausstellung und Werkstatt geöffnet.
Katja Haescher




