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„Ich bin kreativ chaotisch“

Christina Semrau studiert an der Designschule Schwerin und führt in Boltenhagen ein Café
Christina Semrau (29) sagt, ihr Ziel war es nicht, reich zu werden, sondern glücklich.
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„Ich bin ziemlich chaotisch und unstrukturiert“, findet Christina Semrau. „Na, sagen wir kreativ chaotisch“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Mit ihren 29 Jahren hat sie schon so viel auf die Beine gestellt und erlebt wie andere mit 49 nicht. „Ich bin eben ein Energiebündel“, auch das sagt sie über sich. Als Mädchen habe sie zwei große Lebensträume ge­habt: ein Café zu eröffnen und Grafik­design zu studieren. Beide hat sie sich erfüllt, wenn auch nicht auf direktem Weg.

Kindheit und Jugend verbrachte sie in Grevesmühlen. Sehr oft besuchte sie in diesen Tagen ihre Großeltern, die einen Hof mit Pferden und vielen anderen Tieren führten. „Das war ver­glichen mit heute eine ziemlich sorgenfreie Zeit“, erinnert sie sich. „Ich brauchte weder Schlüssel noch Handy, sondern nur mich und mein Fahrrad.“ In ihrem Heimatort besuchte sie die Schule, legte dort auch ihr Abitur ab.
Aber so oft es ging, fuhr sie mit dem Bus nach Boltenhagen, wo sie viele Freunde hatte. In einem kleinen Urlaubsdomizil, das ihre Eltern in dem Ostseebad besaßen, verbrachte sie mehrmals ihre Sommerferien. Dann ging es ihr jedoch nicht allein darum, Strand und Wellen zu genießen, sondern sie verdiente sich auch mit mehreren Jobs Geld für spätere Vorhaben. Morgens um sechs stand sie beim Bäcker hinterm Tresen, abends kellnerte sie.

Nach dem Abi zog sie dann erstmal ans andere Ende Deutschlands: In Stuttgart begann sie bei Karstadt Sports ein duales Stu­dium Trade Management (Betriebswirtschaft mit Spezialisierung auf den Einzelhandel), das sie nach drei Jahren mit dem Bachelor of Arts abschloss. Ein Grafik­design-Studium, das sie doch so gern aufgenommen hätte, konnte sich Christina Semrau zu diesem Zeitpunkt nicht leisten.
Ab 2011 war sie ein Jahr lang bei der Karstadt-Hauptverwaltung in Essen tätig, unter anderem im Bereich Marketing.

Dann zog es sie noch weiter weg von der Heimat, von der Ostsee an die Themse. In London arbeitete sie als Au-pair bei einer französischen Familie. „Ich habe mich dort um zwei wundervolle Jungs im Alter von sechs und zwölf Jahren gekümmert. Ich habe die Kinder zur Schule und zum Sport gebracht und Essen gekocht, mittags und abends jeweils drei Gänge“, sagt sie. Die Mahlzeiten zuzubereiten, sei ihr nicht schwergefallen: „Oma und Opa haben mich sehr geprägt, vor allem von ihnen habe ich das Kochen gelernt.“
Parallel arbeitete sie bei einem Res­taurant im Service. Und dann folgte der Schritt, der einen großen Einfluss auf ihr weiteres Leben haben sollte. „Ich habe geholfen, einen Delikatessenladen aufzubauen“, berichtet sie. „Limone Fine Food Store“ heißt das Geschäft. „In erster Linie werden dort Wurst- und Käsespezialitäten verkauft. Aber auch Küchlein und Schokolade gibt es; einige Rezepte habe ich mit nach Boltenhagen genommen. Während meiner Arbeit im ‘Limone‘ habe ich schließlich den Gedanken verfes­tigt, ein eigenes Café zu eröffnen“, erinnert sie sich.

Und so geschah es. Im Juli 2013, kaum zurück in der Heimat, machte sie sich ans Werk. Die passenden Räume waren schnell gefunden – genau in dem Gebäude, wo sich der Bäcker befand, bei dem sie in den Ferien gejobbt hatte. Jedoch steckte sie noch reichlich Arbeit hinein. Es musste ja erstmal ein Café daraus werden. Der Komplett­umbau dauerte etwa ein Dreivierteljahr – bis sie im Mai 2014 endlich ihr „Café Einraum“ eröffnen konnte. Während der Bauphase arbeitete sie nebenher in der Gastronomie.
Eine Woche verbrachte sie zudem in Berlin, wo sie sich zur internatio­nal anerkannten Barista ausbilden ließ, also zu einer Kaffeekünstlerin. Sie schildert ihre Sicht auf das beliebte Heißgetränk. „Kaffee ist für mich kein Wachmacher oder Wachhalter, sondern ein Luxusgut, so wie er es früher ohnehin war. Dementsprechend arbeite ich auch mit einer sehr hochwertigen Bohne.“ Zudem backen sie und ihre Mitarbeiter den im Café angebotenen Kuchen selbst. Sie betont: „Mein Ziel mit dem Café war es nicht, reich zu werden, sondern glücklich. Ich wollte einen Lieblingsort schaffen – für mich und für andere.“

Und was ist mit dem Grafikdesign? Für das Geschäft eines guten Bekannten habe sie mal ein Logo gezeichnet; die professionelle grafische Umsetzung habe dann jedoch eine Agentur übernommen. „Das hat mich so gewurmt, dass ich das nicht selbst konnte“, sagt sie. „Also habe ich mich nochmal umgeschaut, wo ich Grafikdesign studieren könnte. So kam ich auf die Design­schule Schwerin.“ Seit September 2018 ist sie dort nun Studentin – und zwar die derzeit älteste.
„Nach dem Studium darf es gern auch wieder ruhiger werden in meinem Leben“, blickt sie schon mal etwas voraus. „Und ich würde dann am liebsten nebenbei noch in Teilzeit arbeiten, in Grafik und Marketing natürlich.“ Trotz mehr Ruhe möchte sie sich „das Chaotische“ aber bewahren.

Christina Semrau spielt in ihrer knappen freien Zeit Volleyball. Als Zuspielerin gibt sie dem Angriff ihres Teams SV Dassow 24 die richtige Struktur.  S. Krieg