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Hobbyornithologe von der Ems

Ulf Bähker arbeitet in Schwerin beim NABU und war schon beim KGB
Ulf Bähker an seinem schönen Arbeitsplatz bei der Naturschutzstation Zippendorf
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Als er da so hockte in seinem Büro an Deutschlands größtem Ölfeld, dachte Ulf Bähker sich: „Ich sitz da, hab eine sichere Stelle, die Hüfte wird immer breiter. Aber auf Dauer ist das nichts; ich muss mir einen Job suchen, der Spaß macht, anstatt immer nur die Stunden abzureißen.“ Einen Plan B dafür wollte er zu diesem Zeitpunkt, Anfang der neunziger Jahre, eigentlich längst haben. Aber manchmal kommt man einfach nicht drauf.

Geboren wurde er in Lingen (Ems), der größten und nach Meppen bekanntesten Stadt des Emslandes. Im Juli dieses Jahres war Lingen wegen des dort gemessenen deutschen Hitzerekords in den Schlagzeilen. „Und das, obwohl es in der Gegend keinen Sommer gibt“, sagt Ulf Bähker und lacht.

Nach der zehnten Klasse zog er weg aus Lingen, aber nicht weit: erstmal Fachabitur (mit Spezialisierung aufs Kaufmännische) in Rheine, dann Berufsausbildung zum Industriekaufmann bei der Preussag. „Ich habe schon nach zwei Wochen gemerkt, eine Liebeshochzeit war das nicht“, erinnert er sich. „Aus heutiger Sicht hätte ich lieber Tischler gelernt oder überhaupt etwas Handwerkliches.“ Während der Ausbildung arbeitete Ulf Bähker für den KGB; so lautete das Kürzel für die Geschäftsbuchhaltung des kaufmännischen Bereichs der Preussag.

Kurz danach absolvierte er seinen Zivildienst in einer Jugendherberge an der ostfriesischen Nordseeküste. Die Zeit wollte er auch dazu nutzen, sich den Plan B zurechtzulegen. Da ihm keiner einfiel, machte er 1990, direkt nach dem Dienst, mit Plan A weiter: zurück zur Preussag und buchhalten. Wie gesagt: Da saß er nun im Emsland rum. Und eigentlich wollte er raus in Wald und Flur. Er starrte abwechselnd auf Stundenabrechnungsbögen und aus dem Fenster – und erinnerte sich an die regelmäßigen Urlaube im Bayerischen Wald und die vielen Wanderungen mit der ganzen Familie, die für ihn später als Jugendlicher uncool wurden.

Jetzt sehnte er sich plötzlich zurück in den Forst. „Ich habe mich ein bisschen erkundigt, was für mich drin ist“, sagt er. „Und siehe da: Ich brachte die richtigen Voraussetzungen mit, Forstwirtschaft zu studieren.“ Und das tat er dann ab Herbst 1996 auch. Und zwar in Eberswalde – einmal quer rüber von der holländischen an die polnische Grenze. „Ich fand es spannend, Sachen zu lernen, die mich wirklich interessieren. Das war ein Novum für mich. Wenn man dann noch bedenkt, dass ich vorher nicht mal die Möglichkeit gesehen hatte, überhaupt zu studieren …“, sagt er.

Seine Studienzeit, die bis 2002 dauerte, finanzierte sich Ulf Bähker unter anderem mit einem Technikerjob im Berliner Olym­pia­stadion für den Fußballbundesligaverein Hertha BSC, und das als Anhänger von Borussia Dortmund. Selbst gekickt hat er früher auch mal, erst als Verteidiger beim VfB Lingen, später in einer Thekenmannschaft.

Fasziniert war der Mann aus dem grauen Emsland von der Landschaft im östlichen Brandenburg, von den vielen Seen „mit dem klaren Wasser, wo man auch sieht, wo man hintritt“, und der Schorfheide. In diese wundervollen Gegenden führten auch viele Vogel­exkursionen, an denen er teilnahm. Er beobachtete zum Beispiel See­adler und Kraniche. Das war die Phase, in der Bähker der Ornithologie-Virus so richtig gepackt hat.
Die Vogelkunde ist noch heute seine große Leidenschaft. Der geht er inzwischen in diversen Projekten beim NABU in Schwerin nach.

Bis es ihn unsere Stadt verschlug, zogen nach dem Studium noch ein paar Jahre ins Land. Nach diversen Praktika, unter anderem auf der Hamburger Hallig im schleswig-holsteinischen Wattenmeer, wo er seine heutige Frau kennenlernte, fand er 2004 erstmal einen Job in der Seehundstation Friedrichskoog. Unter anderem zog er kleine Heuler von Hand auf. Er zeigt ein paar Bissnarben am Unterarm vor, seine Andenken an diese Zeit.

Nach Schwerin kam der Lingener, weil seine Partnerin hier beim NABU arbeitete. Ende 2006 folgte er ihr in unsere Stadt – und Anfang 2007 auch zum NABU. Zu seinen Projekten gehörte hier der Kiebitzschutz, dazu musste er zum Beispiel mit Landwirten verhandeln, damit diese auf ihren Feldern Kiebitz-Inseln übrigließen. Er erinnert sich: „Die meisten von ihnen machten gerne mit, zumal sie entschädigt wurden.“ Auch Ulf Bähkers weitere Projekte bei dem Naturschutzbund beschäftigen sich hauptsächlich mit unseren gefiederten Freunden. Derzeit kümmert er sich um das Projekt „Natur findet Stadt“. Er sagt: „In Städten gibt es viele Arten, mit denen man nicht gerechnet hat, zum Beispiel mit den Wanderfalken im Schweriner Dom.“ Er leitet oft auch kleinere und größere Ausflüge – von Radtouren am Schweri­ner See bis zu Vogelstimmen­exkursionen auf dem Friedhof.

Viel an der frischen Luft in Bewegung zu sein, das gefällt dem 47-jährigen Vater einer neunjährigen Tochter und eines vierjährigen Sohnes. Selbst zu Hause in Klein Trebbow ist die Natur nicht weit. „Wir probieren hier unsere Variante eines naturnahen Gartens“, sagt er. Den Rasen mähe er am liebs­ten auf althergebrachte Weise mit der Sense; er hat dafür extra einen Kurs besucht. „Ich liebe diesen Heuduft. Davon müsste es ein Parfüm geben“, schwärmt er. Vielleicht hat er damals im Büro am Erdölfeld auch davon geträumt. S. Krieg