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Wenn aus Carolin Jomy wird

Schwerinerin lebt ihre Leidenschaft fürs Cosplay – und hat dabei mehr als Nähen gelernt
Foto: Katja Haescher
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Weiße Stiefel mit goldener Borte, ein roter Umhang und eine weiße Weste mit goldenen Applikationen: Mit diesen Kleidern wird aus Carolin Martens Jomy Marcus Shin. Carolin ist Cosplayerin – und Jomy ihr erstes Kostüm. Fünf weitere hängen inzwischen auf der Kleiderstange ihrer Wohnung – Verkleidungen und gleichzeitig Rollen, in welche die 25-Jährige schlüpfen kann. Daneben steht ein mehrere Kilogramm schwerer Fuchsschwanz aus in Form gebrachten Schaumstoffmatten, Kunstfell und Schrauben. Cosplay ist manchmal eine regelrechte Materialschlacht: Es geht darum, eine Figur aus einem Manga, Trickfilm oder Computerspiel so originalgetreu wie möglich darzustellen. „Wenn ich mit Fellimitaten arbeite, sieht es hier so aus, als hätte ich meine Katzen nackig gemacht“, scherzt Carolin, während Katze Lucy völlig ungeschoren als flauschig-weißer Fellball auf der Couch lümmelt.

Ein Trend erobert Europa


Das Kunstwort „Cosplay“ setzt sich aus dem englischen Begriff costume für Kostüm und play für spielen zusammen. Der Verkleidungstrend, der seine Wurzeln in Japan hat, schwappte mit dem Boom von Manga und Anime auch in den Westen. Die Leipziger Buchmesse hat mit der Manga-Comic-Con inzwischen eine eigene Convention – so heißen die Veranstaltungen, auf denen sich Gleichgesinnte austauschen. Und die Connichi in Kassel, die größte Anime- und Manga-Veranstaltung im deutschsprachigen Raum, stellte im September mit 26.000 Tagesbesuchern einen neuen Rekord auf.

Warum fasziniert Cosplay nun so viele junge Erwachsene? Für Carolin ist es die Möglichkeit, in eine andere Rolle zu schlüpfen – und natürlich auch die in monatelanger Arbeit entstandenen Kostüme öffentlich zu zeigen. Ihr Einstieg in die Welt des Cosplays begann wie bei vielen anderen mit der Fernsehserie „Sailor Moon“, die 1995 in Deutschland anlief und dem Manga-Trend hierzulande einen kräftigen Schub verpasste. Die Pokemon-Leidenschaft der großen Brüder tat ein Übriges und bald war Carolin begeistert von Mangas – der japanischen Comicvariante. Mit 17 kaufte sie im Netz ihr erstes Cosplay. „Die Qualität sagte mir aber gar nicht zu. Die Applikationen waren mit der Klebepistole befestigt worden, das Organza zum Teil verschmort und das Kleid stand mir überhaupt nicht“, fasst Carolin zusammen. Ursprünglich wollte sie nach diesem Reinfall das Thema Cosplay zusammen mit dem Kleid gleich wieder an den Nagel hängen. Doch dann entdeckte sie die Serie „Terra E“ für sich – und mit Jomy Marcus Shin eine Figur, die fürs Cosplay wie geschaffen war.

Der Spaß am Verkleiden

Jetzt startete Carolin durch: Sie belegte einen Nähkurs und kaufte sich eine eigene Maschine. Inzwischen hatte sie auch ihre Ausbildung zur Pharmazeutisch-Kaufmännischen Assistentin abgeschlossen und ihren ersten Job angetreten – das Nähen war ein willkommener Ausgleich. „Wenngleich ich schon zugeben muss, dass ich meiner Umwelt in der ersten Zeit ganz schön auf den Keks gegangen bin“, gesteht die Schwerinerin.

Denn an der Nähmaschine klappte nicht alles auf Anhieb: Der ausgewählte Stoff neigte bei der Verarbeitung zu Laufmaschen und auch die Schnitte trafen nicht den genauen Charakter der Vorlage. „Zum Glück ist meine Schneiderin auch Kostümbildnerin. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass Manga-Figuren überzeichnet sind, zum Beispiel superlange Hälse haben und dass ein Kostüm entsprechend angepasst werden muss“, erklärt Carolin, die daraufhin kurz­ent­schlos­sen einen Schnittmusterbogen nach Vorlage ihres Arbeitskittels entwarf.

Überhaupt ist Improvisationstalent genauso wichtig wie das Händchen fürs Nähen, welches Carolin inzwischen eine weitere Aufgabe eingebracht hat: „Ich bin jetzt in der Familie zuständig fürs Hosenumnähen und andere Änderungen“, sagt sie.
Spaß am Verkleiden hatte die 25-Jährige schon als kleines Mädchen – genauso wie das Talent, vorhandene Verkleidungen kreativ umzudeuten. „Ich trug immer die Kostüme meiner älteren Brüder auf. Da blieb mal der Rest einer Peter-Pan-Verkleidung, der sich gut ergänzen ließ, um damit als Paprika zu gehen“, erzählt sie.

Ihr aktuelles Lieblingsoutfit beim Cosplay ist das Kostüm eines weißen Fuchses – wenngleich es keinen Tragekomfort bietet. „Der Schwanz wird mit einer Schraube am Gürtel befestigt und ist gar nicht einfach im Gleichgewicht zu halten. Überhaupt sind die wenigsten Cosplays bequem. Entweder ist es zu kalt oder zu warm oder der Stoff kratzt und juckt oder es drückt und pikt etwas“, sagt Carolin und gesteht, manchmal schon etwas erleichtert zu sein, das Kostüm abends ausziehen zu dürfen. Genauso gern legt sie es aber am nächsten Tag wieder an: Begeisterte Cosplayer tragen auf mehrtägigen Conventions jeden Tag ein anderes Outfit. „Wenn wir losfahren, reicht ein Koffer nicht.“

Dass manche Leute ihr Hobby als Kinderkram bezeichnen, kann Carolin nicht verstehen – schließlich steckt viel Kreativität darin. Auch über das Cosplay hinaus interessiert sie sich für Japan und hat sich im vergangenen Jahr zusammen mit Freund Matthias den Wunsch erfüllt, das Inselreich zu besuchen. „Die Kultur, die Menschen, das Essen, es ist ein kompletter Kontrast zu Deutschland“, beschreibt sie ihre Faszination.

Und nicht zuletzt gibt es inzwischen auch in Schwerin eine Cosplayer-Szene, die eng mit dem Geschäft „Atom“ im Klöresgang verbunden ist. Carolin organisiert zusammen mit ihrem Freund und ein paar Gleichgesinnten Treffen der Kostüm-Fans – im April dieses Jahres kamen dazu rund 90 Teilnehmer. Und dann steht ja bald Halloween vor der Tür – für die 25-Jährige wieder eine tolle Gelegenheit, sich zu verkleiden: „Hörner und einen roten Zylinder habe ich schon, jetzt nähe ich dazu noch ein passendes Kostüm.“ Katja Haescher