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Das Erbe der Gotik

Schweriner Paulskirche ist jünger, als es scheint: Sie entstand im 19. Jahrhundert
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Wer kennt das nicht: Da steht ein schönes Haus in der Straße, hundertmal und mehr ist man schon vorbeigegangen. Aber was verbirgt sich hinter der Fassade? Welche Geschichten stecken hinter den Mauern, wer geht hier ein und aus? Denn schließlich sind Geschichten von Häusern immer auch Geschichten von Menschen. In dieser Serie wollen wir gemeinsam mit Ihnen hinter Fassaden blicken. Heute in der Paulskirche, die neben dem Dom die Silhouette der Stadt prägt.
Braunes Gestühl, terrakottafarbene Fußbodenfliesen, bunte Fenster: Die Schweriner Paulskirche empfängt Besucher mit warmen und freundlichen Farben. Geborgenheit ist deshalb das Wort, das Wiltrud Atzl zuerst zu „ihrer“ Kirche einfällt. „Alles ist kleiner als beispielsweise im Dom, aber dadurch fühle ich mich selbst weniger klein“, sagt die Schwerinerin, die regelmäßig Besucher durch das Gotteshaus führt.
Sie weiß, dass viele Gäste die Kirche viel älter schätzen, als sie wirklich ist. Wer die schlanken, aufstrebenden Säulen und das hohe Gewölbe, die mit Schnitzereien verzierte Kanzel und die Glasmalereien sieht, wird diesen Irrtum schnell verstehen. Alles ist dem Baustil der Gotik nachempfunden, der im Deutschland des 19. Jahrhunderts als Neogotik wieder in Mode kam. Baubeginn für die Paulskirche war 1863. Damals brauchte die Stadt dringend ein neues Gotteshaus: 1837 hatte Großherzog Paul Friedrich den Regierungssitz von Ludwigslust wieder nach Schwerin verlegt und die Einwohnerzahl verdoppelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte nahezu. Da lag es nah, die neue Kirche in dem Stadtteil zu errichten, der bei der Ausbreitung der Stadt in Richtung Westen entstanden war – der Paulsstadt. Friedrich Franz II., inzwischen Großherzog, ordnete den Bau an und wünschte sich gleichzeitig einen Ort für Konzerte. Sein Wunsch ging in Erfüllung: Die Paulskirche hat eine hervorragende Akustik und erhielt außerdem mit einem Instrument des Schweriner Orgelbaumeisters Friedrich Friese (III) die größte Frieseorgel im norddeutschen Raum. Noch heute ist das Gotteshaus beliebte Adresse für Musikveranstaltungen.
Gern macht Wiltrud Atzl die Besucher auch auf den „Pflanzenreichtum“ des Gotteshauses aufmerksam. In den Schnitzereien und Bildhauerarbeiten finden sich in Mecklenburg vorkommende Gewächse wie Ahorn und Kastanie genauso wie solche, die in der Bibel Erwähnung finden.
Überhaupt ist die Paulskirche ein Gotteshaus, in dem  viele Ausstattungsstücke eine symbolische Bedeutung haben. Oberkirchenrat Theodor Kliefoth, der den Bau betreute, wollte Glaubensbotschaften auch mit den Mitteln der Architektur überbringen. Ein originelles Beispiel dafür sind die Wasserspeier in Form von Drachen: „Sie zeigen, dass auch der Böse Gott dienen muss“, erklärt Wiltrud Atzl. Das wirklich Besondere aber ist, dass diese Wasserspeier ins Innere der Kirche schauen. Hinter den Drachenköpfen befindet sich ein herausziehbarer Auffangbehälter, in den früher durch ein in der Wand verborgenes Rohr das Kondenswasser von den Fenstern floss. Tropfte der Wasserspeier, wusste der Küster, dass der Behälter geleert werden musste.
Wer jetzt selbst nachschauen möchte: Führungen können im Gemeindebüro unter der Nummer (0385) 71 06 09 vereinbart werden.